[REZENSION]: Matthew Stokoe: Kühe

Cover: Matthew Stokoe: CowsBibliogr. Anmerkungen: (OT: Cows, 2015) dt. Ausgabe 2017 Festa Verlag; Übersetzung: Joachim Körber; Umfang: dt: 256 Seiten, engl: 2016 Seiten

Inhalt: Steven ist 25, lebt bei seiner Mutter, die ihn absolut und hingebungsvoll hasst. Er ist besessen von der Perfektion des Lebens, die er im Fernsehen beobachten kann und hat eine Beziehung zu Lucy, eine Etage über ihnen wohnend, besessen von Vivisektionen und Dingen, die im Körper heranwachsen. Er findet Arbeit in einem Schlachthaus und lernt dort über den abartigen Vorarbeiter Cripps die wahren Geheimnisse hinter dem Schlachten von Kühen kennen. Wenn da nicht die Kühe wären, die ihn um Hilfe bitten …

Rezension: Matthew Stokoe: Kühe

Der Ton macht die Musik, so sagt man. Auch erste und frühe Sätze eines Buches legen schnell fest, wie man das Buch aufnimmt, in welche Stimmung es zu versetzen mag, ob man es schneller oder langsamer lesen wird.

Und dann gibt es Bücher, die ihre besten Sätze irgendwo im vorderen Teil wegwerfen und die Chance verpassen, die Lesser mit diesem Effekt zu beeinflussen. Cows ist ein solches Buch und einer der besten Sätze, den der Roman verschenkt, lautet wie folgt:

»Sie verabscheuten einander seit dem Augenblick, als sie ihn aus ihrer Fotze gedrückt hatte. In der zugemüllten Küche hatte sie ihn auf dem Tisch, an dem sie heute noch aßen, aus dem blutigen Schlamassel zwischen ihren Beinen gezogen und verflucht. Und er hatte ihr, da er spürte, dass es sein ganzes Leben lang noch schlimmer kommen würde, gleich in die Augen gepisst.« (Übersetzung von Joachim Körber für den Festa Verlag.)

Ein wahrhaft heftiger Satz, der die Leserschaft packen und in den Text zerren könnte. Er tut es aber nicht und das ist überaus frustrierend. Cows ist der Roman der verschenkten Möglichkeiten und einer Verkrampfung der Rosette.

Das Buch ist zu sehr darum bemüht, mit einer Ansammlung von Widerlichkeiten zu schockieren. Das gelingt ein paar Mal, wird aber sehr rasch ermüdend, weil es immer dasselbe ist. Wieder und wieder und wieder. Nicht sonderlich aufregende oder packende Variationen des Grundthemas – Kühe foltern und töten. Das ist eines der drei Themen des Buches – das Hauptthema sogar, dem dann doch ein Hauch zu wenig Platz eingeräumt wird.

Cover: Matthew Stokoe: KüheThema zwei ist der Kampf zwischen Steven und seiner Mutter, der zu ungelenk überzogen daherkommt, um zu packen – er überschreitet ein paarmal unfreiwillig die Grenze der unfreiwilligen Komik. Das dritte Thema ist die Beziehung von Steven und der gestörten Lucy, die hauptsächlich über Stevens Ideen vom TV-Ideal und durch eher ekelig geschilderte Sexakte definiert wird, die nach einem ersten Blick tatsächlich nur kurz und langweilig sind.

Die Figur des Cripps, des abartigen, geisteskranken, komplett irren Mentors, hätte mehr Platz in der Geschichte verdient. Auch hier ist viel verloren gegangen, eine ganze Vorgeschichte, sogar eine Mythologie wäre drinnen gewesen. Die knappen, emotionslosen Worte hingegen bieten nicht viel Futter. Auch mehr Kuh-Mythologie hätte es gebraucht anstatt der durch Wiederholung monotonen Zoophilie.

Zarte Gemüter können bei Cows trotzdem das Kotzen bekommen – dafür mag die extrem detaillierte Schilderung der Fäkalien reichen, die Steven seiner Mutter zum Essen vorsetzt. Mahlzeit.

Trotzdem ist Cows nicht der Brüller der Abartigkeit, als die der Roman abgefeiert wird. Zu unbeholfen der Stil, zu monoton die Schilderungen dessen, was man Kühen und Menschen im Schlachthaus antun kann. Dabei werden zu viele Chancen verspielt, die Schockmomente tatsächlich auf die Spitze zu treiben oder den Wahnsinn, der in Lucy wohnt, näher zu untersuchen – und hallo, daraus hätte man weit mehr machen können als das, was Stokoe letztendlich wagt und mit unfreiwilliger Komik ruiniert.

Cows wirkt ein wenig so, als wäre der Autor mit aller Gewalt einem inneren Zwang gefolgt, den abstoßendsten Roman überhaupt zu schreiben. Ist ihm leider nicht gelungen. Das Buch bietet viel Bäh und Würg und Uäh, aber nicht so viel, wie man meinen möchte. Das wird durch das versuchte Erzwingen des Schockeffekts tatsächlich abgemildert. Und – Steven ist ein unsympathischer Protagonist! Das hat man sehr schnell entdeckt und das verdirbt doch einiges an Wucht.

Wahrhaftig verstörend wäre der Roman, wenn man Steven verstehen würde, mit ihm fühlen könnte – das wäre richtig krass. So aber … ein Arschloch tut beschissene Dinge – im mehrfachen Sinn des Wortes. So bleibt eigentlich nur Lucy als Identifikationsfigur, als interessanteste Protagonistin. Sie ist aber leider nicht die Hauptfigur.

Cows ist ein Versuch in Ekel, der über den Zwang zum Exzess stolpert und nur teilweise gelungen ist. Das Buch mag unerfahrene Leser von Extremstoffen schockieren, aber wer Edward Lee oder Wrath James White oder Jack Ketchum kennt, weiß, was purer Horror, Schock und Ekel ist.

Schade um Cows, dessen Grundidee vielversprechend gewesen wäre.

Kurz gesagt:

  • zu bemüht um Schockeffekte
  • zu monton in der Ausführung
  • zu viele verschenkte Ideen

Fazit: nur für Schock-Anfänger schockierend …


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