GASTBEITRAG VON HANS LANGSTEINER

Hans Langsteiner, freier Filmjournalist (u.a. Bühne), Schöpfer der legendären ORF-Radiosendung Synchron – Das Filmmagazin. Der gelernte Jurist ist eine Fundgrube filmischen und literarischen Wissens. Er hegt und pflegt Affinitäten zu etlichen Genres – dominant ist jedoch die Science Fiction, die er in ihrer gesamten Bandbreite kennt und mit Wonne und spitzer Feder auch rezensiert.

Das (c) copyright des Textes liegt ausschließlich bei Hans Langsteiner. Mit freundlicher Genehmigung.

Beiträge: Der einzig wahre James Bond / Robert Kraft, der Abenteurer / Dietmar Dath: Niegeschichte /


Dietmar Dath, Niegeschichte – Science Fiction als Kunst- und Denkmaschine

INHALT: (Auszug Klappentext:) In seiner detaillierten Auseinandersetzung liest Autor Dietmar Dath altbekannte Klassiker wie Verne und Wells, ist dabei, wenn das Genre sich mit Gernsback und Campbell selbst erkennt, mit Heinlein, Asimov und Jewremow folgt er dessen Ausweitung und mit den Autorinnen und Autoren der sogenannten New Wave seinen ersten Brüchen. Er erkundet das Phänomen Star Wars und stellt an Hand zahlreicher Beispiele Größen des Genres genauso vor wie im deutschen Sprachraum bisher kaum bekannte Autorinnen und Autoren.

BUCH: Dietmar Dath: Niegeschichte – Science Fiction als Kunst- und Denkmaschine, Matthes & Seitz Berlin, 2019, Seiten: 942; direkt beim Verlag ↗ oder als Hardcover ↗ und Kindle ↗ bei Amazon …

Cover: Dietmar Dath - Niegeschichte, Mattes SeitzREZENSION: Man sieht es gleich: Dieses Buch ist gekommen, um zu bleiben. Ein fast 1000 Seiten dicker Ziegel, der kein Hehl daraus macht, sich als die definitive Monografie zum Thema Science Fiction zu verstehen, verfasst von einem weit über die Szene hinaus bekannten Autor von eigenen SF-Romanen (Die Abschaffung der Arten), Sachbüchern und journalistischen Beiträgen, etwa in der FAZ. Wird das Buch seinem eigenen Anspruch gerecht? Wie man’s nimmt.

Denn ein Problem hat dieses Buch zu allererst: Niegeschichte ist, um es milde zu formulieren, keine leichte Lektüre. Autor Dath ist klug und belesen, doch er lässt dies den Leser und die Leserin leider auf fast jeder Seite spüren. Wer mit Philosophen von Hegel bis Derrida nicht intim vertraut ist, wer von der Denke der Frankfurter Schule nur wenig Ahnung hat, der versteht bei nicht wenigen Passagen des Bandes leider nur Bahnhof. Ein gutes Fremdwortlexikon ist für Zitate wie das folgende ohnehin unerlässlich:

Was heute im Akzelerationismus, im Trans- oder Posthumanismus, bei der Neoreaktion oder im dekonstruktiven Feminismus, zuvor schon im Poststrukturalismus, in der Diskursanalyse, bei der lacanistischen Filmtheorie und verwandten akademischen und para-akademischen Denkrichtungen gedacht, geschrieben und geredet wird, erinnert als Konzert esoterischer Signale, die oft behaupten, Interventionen ins Alleraktuellste zu sein, an Nexialismus und Psychohistorie nicht dem Inhalt nach, aber rhetorisch… (S. 31)  

Dies ist, zugegeben, ein zugespitztes Beispiel, noch dazu eines, das sich inhaltlich ja gegen jenes Geschwurbel ausspricht, das es formal selbst vermittelt. Dath kann es auch ganz anders, findet witzige Wortschöpfungen wie mindersinnig und blinzelkurz und beweist etwa in der folgenden „Inhaltsangabe“ der Star Wars-Saga Sinn für Witz und Ironie:

Hätte man einem von beiden (gemeint sind die beiden Magazin-Herausgeber Hugo Gernsback und John W. Campbell, Anm. d. V.) eine Fortsetzungsgeschichte über ein Adelshaus in einem galaktischen Kaiserreich angeboten, dessen jüngster Spross unerkannt als Bauernbub in einer Provinzwelt aufwächst, die nichts als eine große Wüste ist, über die wir weiter auch keinerlei Auskünfte erhalten, weil dann ein weiser, als Eremit aus der Welt gefallener ehemaliger Angehöriger eines mystischen Ritterordens den Jungen in die große anti-absolutistisch-republikanische Widerstandspolitik stößt, angeregt durch den Hilferuf einer Prinzessin, der den Jungen erreicht, weil er auf einen Roboter stößt, der diesen Hilferuf als holografisches Video wie einen mit Wachs versiegelten Geheimbrief mit sich herumträgt; hätte man den beiden erzählt, dass sich später herausstellen wird, dass das Geheimnis des Ritterordens, mit dessen Hilfe die verlorene bürgerlich-demokratische interstellare Ordnung wiederhergestellt werden kann, eine Extremform des magischen Denkens ist, bei der man den Verstand abschaltet und hochkomplizierte, unglaublich schnelle Kampfraumgleiter allein nach Gefühl steuert (…), dann wäre ihnen das Ablehnungsschreiben, mit dem sie sich verbeten hätten, dieses Zeug in ihre Zeitschriften zu lassen, vermutlich so leicht gefallen, dass sie sich am nächsten Tag nicht einmal mehr an den unerfreulichen Vorfall erinnert hätten.(S. 557f.)   

Aus der Star Wars-Saga lässt Dath nur den One-Shot-Film Rogue One: A Star Wars Story gelten; dem Rest kreidet er nicht zuletzt an, dass er durch seinen kommerziellen Welterfolg die Errungenschaften der seinerzeitigen New Wave der 1970erjahre aus dem Gedächtnis der Konsumenten verdrängt hat. 

Darüber ließe sich noch trefflich diskutieren, andere Einschätzungen und Bewertungen scheinen kaum noch nachvollziehbar.

Wer hätte, um nur ein Beispiel zu nennen, etwa gedacht, dass der bekennende Marxist Dietmar Dath just im amerikanischen Rechts-Außen-Autor Robert A. Heinlein einen der größten Autoren der SF (S. 288) erblickt?

Geradezu rührend, wie sich Dath auf sechzehn Seiten (!) bemüht, Heinleins kaum längere frühe Kurzgeschichte Life-line in den Rang eines raffinierten Kunstwerks hochzuschreiben; liest man die Erzählung, neugierig geworden, dann noch einmal nach, erweist sie sich als genau jene klobige Pointenstory auf gehobenem Fan-Niveau, als die man sie in Erinnerung hatte. Kaum hat man sich von dieser Überraschung erholt, wird man von der Behauptung überrumpelt, der große Ray Bradbury, immerhin Verfasser der zutiefst humanistischen Dystopie Fahrenheit 451, stünde politisch viel weiter rechts als Heinlein. Dafür geht Philip K. Dick, anderswo gern mit Franz Kafka verglichen, hier lediglich als heiliger Paranoiker durch (was Dath nur argumentieren kann, da er unredlicherweise ausschließlich Dicks späte Schaffensphase ab VALIS in den Blick nimmt).

Wer bis hierher gelesen hat, ist vermutlich versucht, Niegeschichte als schrullige Schwarte abzutun und gedanklich wegzulegen. Dies wäre zumindest voreilig, denn oft genug trifft Dietmar Dath mitten ins Schwarze und wartet mit lesenswerten Erkenntnissen und Entdeckungen auf.

So wird Arno Schmidt hier endlich auch einmal als SF-Autor gesehen und gewürdigt, über Daths Favoriten Joanna Russ und Greg Egan erfährt man mehr als man vielleicht wissen möchte und allein die zwei Seiten, die Dath dem Briten James G. Ballard widmet, treffen den Kern dieses interessanten Autors präziser als die buchdicke Monografie (Science Fiction als Paradoxon), in der Daths Landsmann Hans Frey Ballards Eigenart meilenweit verfehlt hatte.

Dazu kommen immer wieder Hinweise auf lesenswerte Außenseiter und pointierte Formulierungen wie die, wonach Space-Opera-Autor Edmond Hamliton der Richard Wagner der SF gewesen sei, Asimov ihr Mozart, Heinlein ihr Verdi und Samuel R. Delany ihr Alban Berg…

Kurz gesagt: Am besten, man benützt Dietmar Daths Niegeschichte als eine Art Steinbruch, überfliegt oder überblättert die spröde Theorie (viel verpasst man damit nicht), amüsiert sich über manche Exzentrizität und erfreut sich am Sachwissen und den engagierten Lektüre-Empfehlungen, die hier (auch) zu finden sind. 

Fazit: Fad ists jedenfalls nicht… 


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Der Beitrag [REZENSION]: Dietmar Dath: Niegeschichte erschien am 18.05.2020 auf Kultplatz.net


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