Live Free or Die Hard aka Die Hard 4.0
USA 2007; 2.40:1, ca. 123min R: Len Wiseman B: Mark Bomback M: Marco Beltrami D: Burce Willis, Justin Long, Timothy Olyphant, Maggie Q, Tim Russ Bonus 2disc Set: Audiokommentar, deleted scenes, making-of, Musikvideo u.a.
Schwangengesang für den vorletzten Helden:
Da geht er nun also dahin, John McClane, der vorletzte der Ritter, mit einem letzten "Yippi-kay-ak Motherfucker".
Die Hard 4 ist ein merkwürdig zwiespältiger Film: Auf der einen Seite ist der grobe Charme der Filmserie streckenweise immer noch vorhanden, andererseits leidet der Film an der gelackten, überzogenen Überästhetik, die 1) so modern scheint, 2) vollkommen lächerlich wirkt und 3) schon der Bond Serie mit Pierce Brosnan das Genick gebrochen hat.
Wir haben hypermoderne Gangster, die mit supergenialen Crack-Hack-Kack Methoden einen kompletten Staat lahm zu legen in der Lage sind. Wo die Verbrecher mit ihren Computern nicht weiter kommen, setzen sie schicke schwarze Helikopter, schmissige Kampfuniformen und einen weiblichen Killerninja ein. Dem entgegen stellt sich der vorletzte rein manuelle Einzelkämpfer, der Dinge lieber zertrümmert als umgeht: John McClane. Diesmal begleitet vom offenbar unvermeidlichen Computergeek, den er zwischendurch als Punchingball für witzige Dialoge benutzen kann, während es ringsum Trümmer regnet. So weit, so gut.
Die Stirb Langsam Serie, besonders Nr. 1 und Nr. 3 waren immer für unglaublich bizarre, jedoch niemals dumme Actioneinlagen gut. Explosionen, Sprünge, Crashes, die man voller Genuss lachend akzeptiert hat, weil sie in all ihrer haarsträubenden Unsinnigkeit zum Stil der Filme gepasst haben und niemals lächerlich geworden sind. Die Stunt haben sich immer im Realismus bewegt, wenn man Schwerkraft, Fliehkraft, Zugkraft, die menschliche Anatomie und andere Nebensächlichkeiten ausser Acht lässt. Ausserdem, und das war der besondere Reiz dieser Filme, waren die Stunts zu ihrer Zeit stets spektakulär und originell.
Dieser Film ist anders. Die Stunts sind zugegeben gigantisch. Aber so monumental, das sie kindisch wirken. Das Finale mit dem Kampfjet und den Autobahnschlingen ist sowas von absurd und McClane auf dem Flügel des Jets balanzierend ist schon beinahe ärgerlich. Mit sowas ist nur James Cameron bei True Lies davon gekommen, dort war es witzig. Vollkommen bescheuert auch die Einlage, in der ein Hubschrauber mit einem Auto vom Himmel geholt wird. Meine Güte, das ist zuviel des Guten.
John McClane als James Bond, das ist wirklich schlimm. Es gibt allerdings Momente, in denen der Hauch der Serie aufblitzt: Einen Schützen aus einem Helikopter holen, indem man einen Hydranten umrammt und der hochschiessende Wasserstrahl erledigt den Rest, das hat wirklich skurrilen Witz und passt zu Mr. Hardware John McClane.
Womit wir bei einem merkwürdigen Patt sind: Diese wohltuend altmodischen Einlagen passen nicht zu den seit zu vielen Jahren inszenierten Computereffektscheissdreck gelackten Actionszenen, an die sich jüngere Zuschauer gewöhnt haben. Und die reichlich Computererweiterten Scheissactioneinlagen sind nicht kompatibel mit der altmodisch manuellen Zerstörungswut von John McClane, die aber der Grund für den Charme der Filmserie sind.
So gesehen ist der Film ein Bastard, der es niemandem Recht machen kann. Fast ein gutes Zeichen, aber nur fast.
Der immer fetter werdende Kevin Smith als paranoider Computergeek ist ... mittelwitzig. Kevin Smith ist nicht witzig. Lustig hingegen ist die Besetzung eines klischeedämlichen Regierungsagenten mit Tim Russ, der Vulkanier aus Star Trek: Voyager.
Len Wiseman, der Regisseur, hat vorher die beiden Underworld Filme inszeniert und genau das ist eines der Probleme dieses Films. Die gelackte Optik der anderen Werke und Patrick Tatopoulos, der Special Effects/Creature Designer der beiden Filme.
Tatopoulos hat hervorragende Arbeit bei Filmen wie Pitch Black, Silent Hill, I Robot oder den Resident Evil Werken geleistet. Hier war er Set Designer und das ist erkennbar, sein alienartiges Design der Grossrechneranlagen, in dem wiederum ein Hauch von H.R.Giger durchschimmert. Tatopoulos wird auch den dritten Underworld Film inszenieren, alles voll o.k. Aber diese überdesignten Szenen passen nicht in einen Die Hard Film.
Zurück zu Len Wiseman: Er ist durchaus kein schlechter Regisseur, das behaupte ich gar nicht. Die Underworld Filme sind recht schick inszeniert. Er weiss, wie man die Kamera ununterbrochen in Bewegung hält, ohne damit zu nerven. Er hat einen Sinn für elegante Kamerabewegungen, für Tempo. All das kommt Die Hard 4 zu Gute.
Aber er scheint unfähig, sich dem Stil einer vorgegebenen Serie anzupassen. Underworld ist sein Baby, das sieht so aus wie er es wollte. Aber diese Serie hier hat einen grobkörnigeren Charme und er hat den Hochglanz hineingeschmiert und das stört mich.
Bei den Die Hard Filmen sind die Regisseure von enormen Einfluss. John McTiernan Teil 1 und Teil 3, der schundige Renny Harlin (Cliffhanger, Driven, Deep Blue Sea) Teil 2, Len Wiseman Teil 4. Man merkt deutlich, Teil 2 und 4 haben zum Teil dieselben Schwächen und Gemeinsamkeiten.
Stirb Langsam ist eine Filmserie, die Ende der 80er Jahre ihren Anfang hatte und bei der die Anpassung an die jetzigen Vorgaben für Actionfilme nicht wirklich funktioniert hat. So wie die Lethal Weapon Filme mit dem vierten Film endgültig im Arsch waren, so wie der Trailer des kommenden Rambo 4 einfach nur Scheisse wirkt und so wie der Terminator im dritten Film nur mehr ein Schatten seiner selbst war, so ist auch Live Free or Die Hard an einem Endpunkt angelangt.
Bruce Willis ist zu alt, der ursprüngliche Regisseur John McTiernan hatte seit Die Hard III keinen Erfolg mehr und Regisseure wie Len Wiseman sind reine Optiker, keine Handwerker mehr. Das ist kein Gejammer meinerseits, sondern einfach eine Feststellung.
James Cameron, der grösste aller Handwerker, siehe Terminator 1+2, siehe ganz besonders Abyss, siehe True Lies, ist seit Titanic dem Film ausgewichen und hat Dokus gemacht. Jetzt kommt er zurück mit Avatar, einem Science Fiction Film, also einem Werk, das massenhaft Special Effects braucht. James Cameron macht nichts kleines.
Überdies ist der Film ist eine technische Spielerei mit einem neuartigen 3-D System. Also, böse gesagt, wiederum eine Art Ausweichmanöver, vom Handwerk zum dominanten Effektbasteln.
Die Bond Filme haben einen derart radikalen Neustart gemacht, das man Casino Royale als den Beginn einer neuen Filmserie sehen kann.
Damit bliebe von den klassischen Helden nur mehr Indiana Jones übrig, der uns 2008 heimsuchen wird. Der letzte der Helden, der nochmal ein Abenteuer erlebt. Angesichts dessen, was Steven Spielberg seit vielen Jahren für eine ausgemachte Scheisse filmt, sind die Hoffnungen eher gering, das er der Serie einen würdigen Abschluss verleihen kann.
Für jene, die mit den klassischen Serien erwachsen wurden, bleibt eigentlich nur der Umstieg. Die neuen Bond Filme, die sehr guten Bourne Filme mit Matt Damon und vereinzelte gute Einzelfilme in einem Wust von CGI dominierten, gelackten Langweilern, die absurd lächerliche Action anbieten wollen - also z.B. alle Nicolas Cage Filme der letzten Jahre, was wiederum untrennbar mit dem Namen Jerry Bruckheimer verbunden ist, der uns all die lästig grottigen, von Computereffekten zugeschissenen CSI Serien, besonders das unerträgliche, absurd orangegefärbte CSI:Miami und die Piraten der Karibik beschert hat.
Live Free or Die Hard ist ein akzeptabler Abschluss der Serie, eine gute Verabschiedung von einer der grossen Actionikonen. Der Film ist sicherlich nicht perfekt und krankt an der Effekthohlheit, die das Kino beherrscht, aber der rüde Humor und einige angenehm altmodische Einlagen bewahren ihn vor einem Desaster. Es hätte viel schlimmer kommen können. Er hätte von Jerry Bruckheimer produziert werden können.
Fazit: Guter Film, etwas unrund. Kann man sehen.