Next Door
Norwegen 2006; 2.35:1; ca. 72min B+R: Pal Sletaune D: Kristoffer Joner, Cecilie Mosli, Julia Schacht, Anna Bache Wiig Bonus: Audiokommentar, making of, nicht verwendete Szenen u.a.
Beeindruckend bedrückender Film mit perverser Note: John wurde von seiner Freundin verlassen, lebt alleine und scheint sehr schwer mit anderen Menschen umgehen zu können. Eines Tages wird er von seiner Nachbarin gebeten, auf deren Schwester aufzupassen, eine von Phobien geplagte junge Frau, die nie ihre Wohnung verlässt.
Kim bringt ihn dazu, sich immer tiefer in das unmöglich grosse Labyrinth der düsteren Wohnung hineinzuwagen und John verliert sich in einem Strudel aus Verführung, Sex, Gewalt und Schizophrenie, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint.
Ein unheimlicher Film, ganz so wie das Cover sagt, an die morbide Stimmung der frühen Polanski und David Lynch Filme erinnernd. Bedrückend nachvollziehbar das Spiel, das von sexueller Verführung in Gewalt umschlägt. Verstörend real die Hilflosigkeit von John, sich aus der labyrinthischen Wohnung zu befreien, in der er herumirrt, als wäre sie das Innere seines Schädels, aus dem es kein Entkommen geben kann.
Man glaubt zwar zu wissen, worauf die Geschichte hinausläuft, aber der Film unterwandert diese Vorstellung und verkorkst sie nochmal gehörig. Beeindruckend die erotisch-morbide Stimmung, der ständig präsente Verfall, das Binlzeln des Wahnsinns im Augenwinkel, die Frage, was um Himmels Willen hier wirklich passiert und das Unbehagen vor der Antwort.
Ich bin entzückt. Next Door ist ein kleiner, wunderbarer Film.
Die Geschichte gewährt unheimlich viel Platz für psychoanalytische Gehirnblähungen und ist sicher dazu in der Lage, etwas verbissene Menschen, die an politischer Korrektheit oder verbissenem Feminismus laborieren auf die Palme zu bringen (zumindest fällt mir diesbezüglich gleich jemand ein).
Aber daran sind die Betroffenen selbst schuld. Next Door ist ein unheimlich gut durchdachter und stimmungsvoller Thriller mit Nervenkitzel, Gruselmomenten, einem gehörigen Schuss erotischer Anmache, gemixt mit dem bitterem Beigeschmack von freiwillig/unfreiwilliger Gewalt und blankem Wahnsinn.
Wenn man ein Beispiel eines herausragenden europäischen Spannungsfilms mit Anspruch sucht, hier ist ein perfektes Exempel davon. Dieses ewige Gejammere, das der europäische Film zu kopflastig und intellektuell langweilig ist, stimmt sicherlich nicht.
Nur werden die guten, unterhaltsamen europäischen Filme nie europaweit beworben, gefördert, vertrieben usw., sondern verrecken unbesehen auf DVD, weil niemand erfährt, wie toll Filme wie Next Door oder andere Werke sein können. Sehr, sehr schade.
Next Door ist ein exzellentes Beispiel eines anspruchsvollen Thrillers, der Spannung und Niveau gleichermassen im Griff hat.
Fazit: absolut sehenswert