Michael Krug ist Miteigentümer und Geschäftsführer des im Nov. 2005 gegründeten Otherworld Verlages. Lesern phantastischer Literatur ist er als Übersetzer ein Begriff, zu den von ihm betreuten Autoren zählen u.a. Diana L. Paxon, Dave Duncan, Paul Kearney und andere.
Das per email geführte Interview ergab sich in Folge einer äusserst angenehmen Begegnung auf der Buchmesse im Wiener Rathaus, die vom 13.-18. Nov. 2007 stattfand. Der Otherworld Verlag ist in Kalsdorf bei Graz, in der Steiermark, beheimatet. (Interview 11/2007)
Eine klassische Einstiegsfrage: Wie kommt man dazu, einen Verlag zu gründen?
Die Entscheidung dazu ist schrittweise und über viele Jahre gereift. Ich habe schon in frühester Jugend mit Begeisterung gelesen, Bücher waren immer etwas Besonderes für mich. Seit ich als Übersetzer tätig bin, also seit weit über zehn Jahren, lese ich vorwiegend Romane auf Englisch. Darunter waren schon einige Perlen, die bis heute nicht auf Deutsch erschienen sind. Dabei kam mir schon in der Vergangenheit oft der Gedanke, es müsste toll sein, selbst Bücher zu verlegen, die mir gefallen. Was jedoch lange ein still gehegter Traum blieb. Zur konkreten Entscheidung haben zwei Ereignisse geführt. Zum einen, dass ich eher beiläufig erfuhr, wie hoch in etwa die Lizenzgebühren für die Werke durchaus renommierter Autoren sind. Der Betrag war für mich überraschend gering. Dennoch hätte ich mich alleine wohl nicht getraut, das Unterfangen in Angriff zu nehmen. Dazu musste erst das zweite Ereignis stattfinden, nämlich, dass ich, wiederum eher beiläufig, meinem besten Freund von meinem lange gehegten Traum erzählt habe. Da er so wie ich eine begeisterte Leseratte ist, praktischerweise derselben Art von Literatur, war er sofort Feuer und Flamme für die Idee – und so wurde, nach einigen grundlegenden Recherchen und Kalkulationen, der Entschluss gefasst, es einfach mal zu versuchen.
Eine zweite klassische Einstiegsfrage: Wie sieht (gibt es ihn überhaupt?) ein durchschnittlicher Tagesablauf des Verlegers Michael Krug aus?
Die kurze Antwort lautet: chaotisch. Die längere: Um spätestens sechs Uhr ist Tagwache, um meine drei Töchter für die Schule bzw. den Kindergarten vorzubereiten und dort abzusetzen. Gegen acht Uhr treffe ich im Büro ein, wo der Tag damit beginnt, die E-Mails abzurufen. Danach gibt es keine feste Ordnung, da wird das erledigt, was gerade am dringendsten ansteht. Programmplanung, Werbeplanung, Verfassen von Presse- und Werbetexten, Vertriebskoordination, Titelmeldungen, Rezensionsverwaltung, Sichtung von unverlangt eingelangten Manuskripten, Coverplanung. Daneben und dazwischen immer wieder Scouting, also mit wachem Auge den Markt der englischsprachigen Neuerscheinungen beobachten, stets auf der Suche nach Schnäppchen für unser Programm, die wir vor den großen Publikumsverlagen entdecken. Einen fast täglichen und großen Brocken macht das Übersetzen aus, das von mir selbst erledigt wird und ein wesentlicher Faktor ist, der uns hilft, Kosten zu sparen. Gegen 18:00 Uhr lege ich meist eine Pause ein, während der ich nach Hause fahre und meine Kinder zu Bett bringe. Wenn zu Hause Ruhe eingekehrt ist, also nachdem auch meine Frau zu Bett gegangen ist, geht es so zwischen 21:00 und 22:00 Uhr zurück ins Büro zur zweiten Runde, die je nach aktuellem Arbeitsanfall variiert, aber meist zwischen 01:00 und 02:30 Uhr endet. In akuten Fällen, derzeit leider noch viel zu oft, muss die abendliche Pause entfallen.
Das klingt nach brutaler Selbstausbeutung, die nur durch die Liebe zur Arbeit erträglich ist. Kommt da nicht das Privatleben etwas zu kurz, einfach nur faul sein und mit der Familie Spass haben?
Das ist richtig, es kommt derzeit deutlich und schmerzlich zu kurz, soll aber kein Dauerzustand bleiben. Momentan geht es nicht anders, weil kein Budget zum Einstellen von Mitarbeiter/innen vorhanden ist, ich gehe aber davon aus, dass uns das im Verlauf des nächsten Jahres möglich werden sollte. Bis dahin heißt es Zähne zusammenbeißen, aber es stimmt schon, würde die Arbeit keine Freude bereiten, wäre das selbst vorübergehend schwer bis gar nicht machbar.
Zu den unverlangt eingesendeten Manuskripten die unvermeidbare Fragenwurst: Viele? Und wie ist die Qualität der Texte? Halten sich die Einsender an die Vorgaben, wie auf der Website definiert?
Die Flut der Einsendungen ist mittlerweile zurückgegangen und hat sich bei durchschnittlich zwei bis vier Manuskripten pro Woche eingependelt. Anfangs war es deutlich mehr, allerdings waren da sehr viele Kurzgeschichten dabei, und es dürfte sich herumgesprochen haben, dass daran bei uns bis auf weiteres kein Interesse besteht. Was die Qualität der Texte angeht, trifft tatsächlich ein altes Klischee zu: Meistens handelt es sich um zwar handwerklich versiert verfasste Geschichten, denen es allerdings an jeglicher Originalität mangelt, oder umgekehrt um recht nette Ideen, die aber derart unzulänglich umgesetzt werden, dass eine Bearbeitung viel zu aufwändig wäre. Ein großes Problem scheinen Nachwuchsautoren immer wieder Dialoge zu bereiten, oft lesen sie sich entsetzlich hölzern und gestelzt. Ein weiterer, vermutlich in unseren Breiten kulturbedingter Hemmschuh ist, dass sehr viele angehende Autoren meinen, sie müssten in ihre Geschichte einen tieferen Sinn, etwas Anspruchsvolles, eine Botschaft verpacken. Bitte nicht falsch verstehen: Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, nur muss es nicht sein, und in den allermeisten Fällen geht es hoffnungslos schief. Heraus kommt etwas Langatmiges, dessen Botschaft nirgends ankommt, weil es niemand lesen will. Wir verstehen uns als Verlag, der im Bereich Fantasy und Mystery gute, spannende, Unterhaltungsliteratur auf den Markt bringen möchte, nicht mehr und nicht weniger. Was die Einhaltung der Vorgaben für Einsendungen angeht, erhalten wir sehr gemischtes Material. Manche Autoren halten sich wirklich vorbildlich daran, sehr viele nur teilweise. Die ärgerlichsten Mängel sind das gänzliche Fehlen von Exposees oder Exposees, die keine sind. Nur anhand einer kurzen Leseprobe ist die Gesamtheit einer Geschichte unmöglich zu beurteilen. Ebenso wenig Freude haben wir damit, ein komplettes Manuskript ohne Exposee zu erhalten, weil man es vollständig lesen müsste, um die Geschichte an sich zu beurteilen - sehr zeitaufwändig, um sich ein erstes Urteil zu bilden. Und ein Exposee, das sich über fünfzehn bis zwanzig engzeilige DIN-A4-Seiten erstreckt, hat meines Erachtens seinen Sinn ebenfalls verfehlt. Besondere Spezialisten schicken uns überhaupt nur E-Mails mit Anreden à la "Hallo!" oder "Grüß euch!" und "Anbei mein Roman XY:", entweder mit einem MS-Word-Dokument als Anhang oder überhaupt mit dem kompletten Romantext direkt in der E-Mail. Da mag man mich gern für altmodisch oder intolerant halten, aber solche Extrembeispiele weigern wir uns zu prüfen.
Fantasy, Science Fiction und Horror sind im deutschsprachigen Raum grossteils leider immer noch als "Schund" stigmatisiert. Wie würden Sie einem Leser, der überhaupt keinen Sinn für phantastische Literatur hat, diese soweit schmackhaft machen, damit er zumindest einen Versuch wagt?
Vermutlich, indem ich anhand von Beispielen darauf hinweisen würde, dass es unzählige der phantastischen Literatur zuzuordnende Romane gibt, in denen im Wesentlichen Geschichten erzählt werden, die man ebenso gut in jede andere Form von Belletristik hätte verpacken können. Die spannend, humorvoll, abenteuerlich, lehrreich, romantisch, teilweise auf historischen Tatsachen begründet sind. Die mit denselben großen Gefühlen – Liebe, Angst, Hass, Verbitterung, Verzweiflung – aufwarten können wie "gewöhnliche" Belletristik. Die aber eben, nicht zuletzt, um den Unterhaltungswert zu steigern, in einem phantastischen Umfeld angesiedelt oder auf sonstige Weise mit phantastischen Zutaten gewürzt wurden.
Haben Sie einen Favoriten in Ihrem Programm?
Grundsätzlich kann ich aufrichtig sagen, dass ich von den Werken all unserer Autor/innen sehr angetan bin, ich muss allerdings gestehen, dass ich persönlich eine besondere Schwäche für Brian Keene und Scott Sigler habe; beide erinnern mich an die ganz großen Namen aus dem Bereich Phantastik/Thriller wie King, Koontz oder auch Grisham, Patterson, Crichton – sie besitzen einfach ein unglaubliches Erzähltalent, schreiben geradlinig und ohne Längen, bauen perfekte Spannungsbogen und machen es einem wirklich fast unmöglich, ihre Bücher während des Lesens aus der Hand zu legen.
Welche Autoren ausserhalb des eigenen Verlages lesen Sie gerne?
Stephen King, Dean Koontz, Richard Laymon, James Herbert.
Der finanziell ausschlaggebende Markt für einen Verlag, der anderes als Regionales publiziert, ist Deutschland. Frank Festa scheint in gröberen Schwierigkeiten zu stecken. Die Edition Phantasia bedient mit ihren limitierten, signierten Hardcovern die spezialisierte Sammlerecke und mit der gefällig gestalteten Paperbackreihe eine eher - vorsichtig formuliert - intellektuellere Klientel der Phantastik, während die grossen Häuser Massenware auf den Markt schleudern und einige wenige wirklich gute Autoren und Titel in der Menge verschwinden. Wo und wie wollen Sie Otherworld platzieren?
Ich würde sagen, grundsätzlich schon eher dort, wo die großen Häuser sind, nur eben im Kleinformat. Unser Bestreben ist, weder inhaltlich noch aufmachungstechnisch eine spezielle Nische zu bedienen – also beispielsweise die angesprochene intellektuellere Klientel oder den harten Kern der Sammler, bei denen der Preis eines Buches eine eher zweitrangige Rolle spielt. Grundsätzlich ist unser Zielpublikum die allgemeine Leserschaft phantastischer und Thrillerliteratur. Dementsprechend versuchen wir, uns preislich und vertrieblich bestmöglich an den großen Häusern zu orientieren und in den nach wie vor wichtigsten Absatzkanal zu kommen, den stationären Buchhandel. Wir möchten eine Lücke füllen, die ich durchaus zu sehen glaube. Alle mir bekannten Kleinverlage unserer Genres haben sich in irgendeiner Form spezialisiert – Festa primär auf Horror, die edition phantasia, wie richtig erwähnt, auf hochpreisige, limitierte Sammlerausgaben und eine intellektuellere Leserschicht, andere wie Atlantis, Zaubermond, Eldur oder Blitz auf Reihen und/oder Anthologien. Bei den ganz Großen stehen aufgrund des wachsenden Konkurrenzdrucks untereinander die Zahlen im Vordergrund. Demzufolge bringen sie einerseits vermehrt rein kommerziell orientierte Titel auf den Markt – ein gutes Beispiel ist der nach wie vor anhaltende Boom der Tolkien-Peripherie mit Büchern über Elfen, Orks, Trolle, Zwerge, Goblins, Gnome etc. –, andererseits verringern sie den Pool ihrer Stammautoren immer mehr auf Bestsellergaranten, also auf die recht großen Namen. Dazwischen ist meines Erachtens reichlich Platz für etliche wirklich gute Autor/innen, die bei den großen Verlagen aus dem Programm fallen, weil sie deren Absatzerwartungen nicht erfüllen, oder gar nicht erst in Erwägung gezogen werden, weil schon die Prognosen zu gering sind. Hier kommen die Relationen zu unserem Vorteil zum Tragen: Aufgrund unserer extrem schlanken Kostenstruktur brauchen wir nicht annähernd die Absatzzahlen großer Verlagshäuser, um Gewinn bringend zu arbeiten. Dadurch können wir es uns leisten, Autoren zu bringen, die für die ganz Großen der Branche nicht oder nicht mehr rentabel sind, wodurch wir, so denke ich, zu einer Wahrung der Vielfalt des Angebots für die Leser beitragen. Kurzum: Wir möchten uns ein Plätzchen mit einer interessanten und marktfähigen Mischung aus renommierten Autor/innen und neuen Talenten sichern, wobei uns Qualität wichtig ist – inhaltlich im Sinne von gut geschriebener, spannender oder humorvoller Unterhaltung, technisch im Sinne der Beschaffenheit und Verarbeitung unserer Bücher, allgemein im Sinne von Leserfreundlichkeit. Unter Letzteres fällt für uns das Vermeiden verbreiteter Unsitten anderer Verlage wie beispielsweise das Abbrechen von Zyklen, das technisch nicht notwendige Splitten von fremdsprachigen Originalen in mehrere deutsche Bände, ständige Format- oder Layoutänderungen innerhalb von Reihen und ähnliches.
Die Platzhirsche wie Piper bei Fantasy, Heyne bei Science Fiction und eingeschränkt auch Goldmann/Blanvalet, verwenden immer wieder gerne das Grossformat Paperback, das Trade. Otherworld ist mit Hardcover angetreten. Dumm gefragt – warum?
Angetreten sind wir deshalb mit Hardcover-Ausgaben, weil es unserer Ansicht nach mit einer edlen Aufmachung einfacher für einen völlig neuen Verlag ist, sich von der Masse abzuheben und Aufmerksamkeit zu erregen. Diese Rechnung ist größtenteils aufgegangen, allerdings schwenken wir im Sinne unserer zuvor umrissenen Strategie derzeit stark hin zu Taschenbüchern. Hardcover-Ausgaben werden auch weiterhin ein fixer Bestandteil unseres Programms bleiben, allerdings unter sehr sorgfältiger Abschätzung der Hardcover-Eignung jedes einzelnen Titels. Paperbacks stehen wir derzeit noch etwas kritisch gegenüber. Aus rein kommerzieller Sicht ist das eines der interessantesten Formate, weil die Druckkosten im Verhältnis zum erzielbaren Preis nur marginal höher als bei Taschenbüchern sind. Im Sinne der Leserfreundlichkeit meiden wir das Format dennoch nach Möglichkeit, weil es keinen der Vorzüge der beiden anderen Formate birgt. Hardcover bestehen durch ihre edle Aufmachung, sind Bücher, die sich wunderbar im Regal machen, die man zu Hause genießt. Taschenbücher haben die Vorteile, dass sie günstig und kompakt sind, sich also auch hervorragend als Lektüre für unterwegs eignen. Paperbacks sind weder richtig günstig noch edel noch handlich. Bei uns bleiben sie daher ganz klar ein Ausweichformat für Romane, die wir grundsätzlich als Taschenbuch bringen möchten, deren Umfang aber den für uns machbaren Rahmen eines Taschenbuchs sprengt.
Sie sind (noch) ein relativ kleiner Verlag, dessen finanzielle Mittel wahrscheinlich nicht mit den Budgets der grossen Häuser mithalten können. Wie gelingt es Ihnen, die Rechte an Autoren wie Brian Keene und Owl Goingback zu erwerben oder Katja Brandis zu locken?
Dafür gibt es kein Patentrezept. Ich würde sagen, dafür bedarf es einer Mischung aus Marktbeobachtung, Gespür, Entschlussfreudigkeit, ein wenig Mut zum Risiko und jeder Menge Glück. Im Fall von Brian Keene waren wir schlicht und ergreifend die Ersten auf dem deutschsprachigen Markt, die auf seine Romane aufmerksam geworden sind, kurz entschlossen um die Rechte angefragt und zugeschlagen haben. Gleich lief es bei Owl Goingback, ähnlich bei Scott Sigler, wobei uns in seinem Fall die Rechte von einer kleinen Agentur angeboten wurden. In allen drei Fällen hatten wir auf Anhieb ein gutes Gefühl und haben, ohne lange zu überlegen, zugeschlagen. Inzwischen sind an Brian Keene auch einige große Verlage dran, Scott Sigler ist mit mehreren seiner weiteren Romane bereits definitiv bei einem der größten deutschen Publikumsverlage unter Vertrag. Im Fall von Katja Brandis war es pures Glück – Der Sucher war und ist ein Projekt, das ihr sehr am Herzen liegt, an dem aber seitens ihrer Stammverlage wenig bis kein Interesse bestand, weshalb sie das Manuskript uns angeboten hat. Wiederum haben wir nicht lange gezögert. Und in allen Fällen die Rechte sehr günstig bekommen. Mit ein wenig Stolz erfüllt uns, dass sich mittlerweile vermehrt durchaus renommierte, bei großen amerikanischen Verlagen veröffentlichte Autoren direkt bei uns melden und uns ihre Titel anbieten – was, wie ich mittlerweile weiß, daran liegt, dass insbesondere Brian Keene, zu dem wir ein ausgesprochen gutes Verhältnis haben, sehr rege bei seinen Kollegen für uns wirbt.
Gibt es internationale Bestsellerautoren, die Sie gerne im Programm hätten, an denen aber die grossen deutschen Verlage mehr oder weniger gescheitert sind? Ich denke z.B. an Clive Barker, bei dem die deutsche Veröffentlichungspolitik ziemlich wirr erscheint. Ein anderes Beispiel ist Iain Banks, der bei uns mehr oder weniger ruiniert wurde. Auch Jeff Long hat hier kein Publikum gefunden.
Die gibt es durchaus. Wie zuvor erwähnt, haben wir bei solchen Fällen ganz klar die Relationen auf unserer Seite – was für einen der ganz großen Verlage absatzmäßig ein Flop ist, kann für uns durchaus ein Bestseller sein. Wir beobachten daher bei unserer Titelsuche sehr wohl auch bekanntere, bereits auf Deutsch veröffentlichte Autor/innen und deren Entwicklung auf dem deutschen Markt, um im Falle einer günstigen Gelegenheit zuschlagen zu können. Konkrete Namen möchte ich aber lieber nicht nennen, weil sich teilweise recht überraschende Wendungen vollziehen können. Als Beispiel sei hier Richard Laymon genannt, der im ersten Anlauf bei Goldmann in den 1990ern auf dem deutschen Markt gescheitert ist. Danach wurde einige Zeit nichts mehr aus seinem umfangreichen Werk auf Deutsch veröffentlicht, bis er vor etwa drei Jahren von Frank Festa für den deutschen Markt wiederentdeckt wurde. Womit er offenbar Heyne an Laymon erinnert hat, denn dort erscheinen seit vergangenem Jahr jährlich zwei seiner Romane unter dem Label Heyne Hardcore – womit Festa aus dem Rennen sein dürfte, solange sich die Titel bei Heyne gut verkaufen, was der Fall zu sein scheint.
Im Zusammenhang zur obigen Frage: Hat es ein unabhängiger Verlag wie Otherworld leichter, im englischen Sprachraum bekannte Autoren zu pflegen und bei uns zu einer Marke aufzubauen?
Nein, mit Sicherheit nicht. Viel eher besteht die Gefahr, dass man, wie am Beispiel Laymon dargestellt, eine Art Vorreiterrolle mit dem entsprechenden Risiko übernimmt, die Früchte aber dann ein anderer erntet – eine denkbar undankbare Rolle, zumal es im Verlagswesen in solchen Fällen, anders als beispielsweise beim Fußball, keine Ablösesummen gibt. Der gezielte Aufbau von im Ausland renommierten Autor/innen zu einer Marke im deutschen Sprachraum ist für einen Kleinverlag nur möglich, wenn der Rechteinhaber – also in der Regel der ausländische Verlag des Autors oder der Autor selbst – mitspielt. Und da sieht die Realität wohl eher so aus, dass fast jeder Rechteinhaber bei einem entsprechenden Angebot zu einem größeren Verlag wechseln würde, der höhere Absatzzahlen verspricht und höhere Garantiesummen zahlen kann.
Wie wichtig ist es, trotz der beträchtlichen Kosten an Buchmessen wie Leipzig oder Frankfurt teilzunehmen? Spielt der Rechtehandel in Frankfurt für Sie eine Rolle - vielleicht auch in beide Richtungen, als Verkäufer?
Da wir uns im stationären Buchhandel platzieren möchten, ist die Präsenz auf Buchmessen unserer Ansicht nach durchaus wichtig, auch wenn auf Messen kaum noch direkte Umsätze durch Aufträge aus dem Buchhandel erzielt werden. Es geht primär darum, vom Fachpublikum und den Lesern wahrgenommen zu werden, den eigenen Bekanntheitsgrad zu steigern. Dafür eignen sich Buchmessen nach wie vor. Deshalb haben wir uns für nächstes Jahr erstmals fix für die Buchmesse in Leipzig angemeldet – für uns ideal, weil Leipzig zu etwa gleichen Teilen als Leser- und Fachpublikumsmesse gilt. Bei Frankfurt überwiegt ganz klar die Orientierung hin zum Fachpublikum, auch sind die Kosten dort deutlich höher, weshalb wir noch am Überlegen sind, ob es sich dort für uns nächstes Jahr schon als Aussteller rentiert. Zumindest als Besucher war und ist Frankfurt ein Fixpunkt, um sich in gebündelter Form einen Marktüberblick zu verschaffen und Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Was den Rechtehandel angeht, so beschränkt sich die Bedeutung von Frankfurt meiner Ansicht nach darauf, dass sich die Möglichkeit bietet, Agenten persönlich kennen zu lernen. Tatsächliche Verhandlungen und Abschlüsse haben wir bisher noch immer aus der Ferne abgewickelt, nicht zuletzt, weil wir, wie erwähnt, schnell agieren, wenn uns ein Titel gefällt und wir ihn haben wollen. In umgekehrter Richtung, als Verkäufer, sind wir bisher noch nicht aufgetreten, in dieser Hinsicht möchten wir 2008 aktiv werden, ich vermute aber, dass es sich hier ähnlich verhalten wird.
Im Zuge der Peter Jackson Filme haben die Verlage eine Unmenge an Orks, Zwerge, Elfen, Goblins und weiss der Kuckuck was noch auf den Markt geworfen, alle mit dem Tolkien Verweis am Buchrücken. Ist diese Form der ewig gleich aufgebauten, klischeefütternden Romane nicht langsam zu Tode getrampelt?
Offenbar noch nicht – das Ende dieses Trends wird kommen, aber wann, bestimmt der Markt, also die Leserschaft. Solange die entsprechenden Bücher Abnehmer finden, werden die Verlage Nachschub liefern, wobei ich nicht behaupten möchte, dass wir uns zu vornehm sind, um auf solche Züge aufzuspringen. Wir wollen als Verlag überleben, dazu gehört unweigerlich die Berücksichtigung wirtschaftlicher Erwägungen bei der Titelplanung. Wenn uns ein Manuskript angeboten wird oder wir über ein Werk stolpern, das uns qualitativ überzeugt und einem gerade aktuellen Trend Rechnung trägt, dann werden auch wir nicht zögern, es zu bringen. Wichtig ist uns hierbei sehr wohl der Qualitätsanspruch. Was wir ablehnen, ist das gezielte Projektieren von Romanen, um einen Trend auszuschlachten. Mit anderen Worten: Wir werden im Gegensatz zu anderen Verlagen keine "Auftragsarbeiten" bringen, also Titel, bei denen wir einen Autor dafür engagieren, nach einem von uns vorgegebenen Konzept mal rasch ein Buch zu schreiben, um von einem aktuellen Boom zu profitieren.
Haben Sie es jemals in Betracht gezogen, eventuell eine eigene auf Phantastik spezialisierte Buchhandlung anzudenken, wo Ihre Bücher ständig "greifbar" sind, Autorenlesungen veranstaltet werden können und Leser phantastischer Literatur eine Anlaufstelle haben? Ist ein derartiger Gedankensprung absurd oder eine Möglichkeit, einem kleinen Verlag einen gewissen Rückhalt zu geben und sich auch in dieser Form zu präsentieren?
In Betracht gezogen noch nicht, aus mehreren Gründen. Zum einen mangelt es mir und meinem Partner an jeglicher Erfahrung als Buchhändler, zum anderen wäre damit ein erheblicher zeitlicher und zumindest in der Anfangsphase finanzieller Aufwand verbunden. Als absurd würde ich einen solchen Gedanken aber keinesfalls bezeichnen. In Deutschland gibt es ein Beispiel genau dieser Konstellation – die ausschließlich auf Phantastik spezialisierte Buchhandlung Otherland in Berlin, deren Besitzer gleichzeitig den Shayol Verlag betreiben. Das Konzept hat durchaus seinen Reiz und würde etliche Möglichkeiten und Vorteile bieten – denkbar wäre es für uns allerdings nur, wenn sich ein zusätzlicher Partner fände, der Buchhandelserfahrung, Unternehmergeist und zeitliche Ressourcen mitbrächte.
Für einen jungen Verlag wie Otherworld spielt das "Branding" sicher eine Rolle. Wenn man sich ansieht, wie kleinere Verlage Leserwettbewerbe veranstalten und Anthologien aus eingesendeten Beiträgen publizieren, wäre das nicht auch eine Möglichkeit, potentielle Autoren für das eigene Haus zu entdecken?
Ehrlich gesagt, ist uns das vorerst ein zu mühsamer und zu wenig Erfolg versprechender Weg. Zwischen dem Verfassen einer guten Kurzgeschichte und eines guten Romans liegen Welten, es ist also längst nicht gesagt, dass sich über Kurzgeschichtenausschreibungen Autoren für das allgemeine Verlagsprogramm finden ließen. Zum anderen ist es kein Geheimnis, dass sich Anthologien in unseren Breiten im Vergleich zu Romanen nicht besonders gut verkaufen. Um diesen Makel zumindest teilweise zu lindern, käme für uns nur eine gemischte Anthologie mit unbekannten, talentierten Autoren und renommierten Autoren als Zugpferden in Frage. Das wiederum bedingt einen erheblichen Aufwand – auf der einen Seite die Sichtung von Material, auf der anderen etliche Verhandlungen um Rechte. Daher ist momentan weder kurz- noch mittelfristig eine Anthologie geplant.
Im Zusammenhang mit der vorigen Frage: Anthologien, gesammelte Erzählungen und dergleichen erfreuen sich bei Amerikanern und Briten grosser Beliebtheit, erscheinen dort in zahlreichen Ausgaben, sogar als Hardcover. Warum funktioniert die Anthologie, die Storysammlung im deutschsprachigen Raum nicht so richtig?
Darauf habe ich leider keine richtige Antwort. Da ich selbst kein besonderer Freund von Kurzgeschichtensammlungen bin, kann ich nur meine persönlichen Gründe nennen: Bei Anthologien mit verschiedenen Autoren habe ich unterschwellig die Befürchtung, dass mir viele nicht gefallen könnten und ich von denen, die mir vielleicht gefallen würden, nur jeweils eine sehr kurze Geschichte zu lesen hätte. Auch zum Entdecken neuer Lieblingsautoren eignen sie sich meines Erachtens nur bedingt, da längst nicht jeder gute Kurzgeschichtenautor auch ein guter Romanautor sein muss. Umgekehrte Fälle gibt es übrigens genauso – Fantasy-Altmeister Dave Duncan beispielsweise gibt unumwunden zu, dass er keine Kurzgeschichten schreiben kann.
Sie haben Taschenbücher und Hardcover im Programm. Welche Kriterien entscheiden das Format für einen Titel mit?
Primär die Verkäuflichkeit. Die richtet sich aus unserer Sicht einerseits nach dem Bekanntheitsgrad des Autors, andererseits nach dem Genre. Dermaßen bekannte Autor/innen, dass man sie bedenkenlos als Hardcover bringen könnte, sind für uns vorerst ohnehin unerreichbar, daher liegt das Hauptaugenmerk auf dem Genre. Stark Thriller-lastige Titel – wie z. B. Scott Siglers EarthCore oder Daniel Keohanes Das Grab des Salomon – sind heiße Anwärter für eine Hardcover-Ausgabe, ebenso Jugend-Fantasy-Titel wie Der Sucher von Katja Brandis. Daneben noch Sammelbände mehrerer Romane. Fantasy für ein klar erwachsenes Zielpublikum und vorrangig Horror-lastige Titel hingegen sehen wir ebenso wie Science-Fiction-Titel eher als Anwärter für Taschenbuchausgaben. Eine weitere Überlegung sind potenzielle Sublizenzverkäufe, d. h. wenn wir bei einem Titel die entsprechenden Rechte mit im Vertrag haben und die Wahrscheinlichkeit sehen, eine Taschenbuchlizenz bei einem der großen Verlage unterzubringen.
Wie im Kino ist auch bei der Fantasy der Hang zu Serien - zum Teil unglücklicherweise - äusserst ausgeprägt. Etliche Zyklen wurden niemals komplett veröffentlicht. Für Leser extrem ärgerlich. Von mir ausgehend, ich lese eine Serie nur mehr dann, wenn sämtliche Bände daheim im Regal stehen. Wie geht ein Verleger mit Zyklen, Sequels, Prequels und dergleichen um? Gibt es für Sie die Möglichkeit, sich vor einem Desaster wie nie fertiggestellten Fortsetzungen usw. abzusichern?
Das angesprochene Problem ist ein echter Teufelskreis. Die meisten Verlage kaufen nicht die Rechte für komplette Zyklen, sondern erstmal die für den ersten Band. Entsprechen die Verkaufszahlen des ersten Teils nicht den Erwartungen, bleiben die restlichen Bände auf der Strecke. Durch unzählige solche Beispiele sind die Leser mittlerweile, so wie Sie, verständlicherweise derart sensibilisiert, dass sie Zyklen erst dann kaufen, wenn alle Bände erhältlich oder zumindest fix angekündigt sind. Da beißt sich die Katze immer wieder in den Schwanz. Unser oberstes Bestreben ist, nicht in diese Schiene zu verfallen. Unsere drei bisher veröffentlichten Sammelbände sollen gleichsam ein Zeichen sein, dass wir diesem Trend entgegensteuern wollen. Wir kaufen grundsätzlich auch nur die Rechte für komplette Reihen ein. So sichern wir uns einigermaßen gegen das Risiko unvollständiger/abgebrochener Zyklen ab, eine Patentlösung ist das aber natürlich trotzdem nicht. Zum einen nehmen wir damit ein deutlich höheres Risiko als andere Verlage in Kauf, zum anderen kann es vorkommen, dass der Autor zu einer an sich als abgeschlossen geltenden Reihe doch noch ein Prequel oder Sequel nachschießt oder die Reihe auch ganz einfach unverhofft weiterführt. Dann muss man sich separat um die Rechte dafür bemühen, was das Risiko birgt, dass man sich nicht auf die Bedingungen einigen kann. Dann gibt es wieder andere Fälle wie z. B. Serien, bei denen nicht die Handlung, sondern der Protagonist das verbindende Element ist. Wenn sich ein Serienheld im deutschen Sprachraum einfach nicht etablieren lässt, wäre es auch für uns wirtschaftlich unverantwortlich, eine solche Serie nicht einzustellen. Nichtsdestotrotz halten wir grundsätzlich daran fest, dass es bei uns keine abgebrochenen Reihen geben wird – tatsächlich bemühen wir uns sogar, von anderen Verlagen nicht fertig gestellte Zyklen aufzugreifen und zu vollenden. So zum Beispiel nächstes Jahr die Trilogie Tamir Triad von Lynn Flewelling, die von Lübbe nach dem ersten Band eingestellt wurde. Wir haben die Rechte an der kompletten Trilogie erworben und werden sie in einheitlicher Aufmachung vollständig auf Deutsch veröffentlichen, Band 1 als Neuübersetzung, um auch einen durchgängigen Stil zu wahren.
Wie denken Sie über die seit inzwischen ein paar Jahren anhaltende Welle exzessiver Gewaltromane und Filme, die so extrem populär sind? Die SAW Filme als populärstes Beispiel, die neuen The Hills Have Eyes Filme, Wrong Turn, High Tension, die Remakes und Fortsetzungen der alten Romero Filme. Bei Romanen besonders auffällig sind Autoren wie Cody MacFadyen, Chelsea Cain, Mark Nykanen. Das ist die Spitze einer Gruppe von Autoren, die den Thriller zum pervers anmutenden Psychosplatter verändert haben. Bedienen diese Werke einen vorhandenen Markt, stillen ein vorhandenes Bedürfnis oder haben sie erst das Verlangen nach sich selbst geschaffen?
Ich denke, sie sind mehr oder weniger eine natürliche Entwicklung des Bestrebens zu schockieren, Aufsehen zu erregen, neue Wege zu beschreiten, bereits Bestehendes zu übertreffen. Vor etlichen Jahren waren Freitag, der 13. und Halloween etwas Neues, Originelles, Schockierendes. Nach unzähligen Fortsetzungen und Nachahmern wechselhafter Qualität war das klassische Slasher-Gemetzel irgendwann ausgelutscht. Um dieser Grundthematik wieder Leben einzuhauchen, mussten neue Elemente eingebracht werden. Was bei den genannten Beispielen durch eine Steigerung des Extrems geschieht. In den meisten Fällen funktioniert das ganz wunderbar, meines Erachtens deshalb, weil man durch die detaillierten Gewaltdarstellungen stärker mit den Opfern mitfühlt, sich besser vorstellen kann, welche Qualen das Opfer leidet, und sich so automatisch das Angstgefühl steigert – das letztlich ja ein wesentlicher Grund dafür ist, weshalb man sich solche Filme ansieht oder solche Bücher liest.
Im Zusammenhang mit obiger Frage: Mir selbst sagen diese überharten Thriller sehr zu, weil sie sich erstens, bisher zumindest, nicht der Grausigkeiten um ihrer selbst Willen bedient haben, sondern logische Folge der Geschichte und der handelnden Figuren waren und weil sie, zweitens, wohltuend anders als der alljährlich ausgestossene Brei tausender schablonenhafter Krimis/Gerichtsmedizin/Verschwörungsthriller u.ä. Konzeptware sind, die sich oft schon wie ein Drehbuch für den TV Film der Woche liest. Wird sich der Otherworld Verlag mit dem expliziten "natürlichem Horrorthriller" näher beschäftigen?
Definitiv. Wir haben in dieser Hinsicht auch schon den einen oder anderen Autor im Visier, wobei ich allerdings aufgrund des vorgenannten Beispiels – Richard Laymon – keine Namen nennen möchte. Zur Untermauerung kann ich jedoch sagen, dass wir unmittelbar nach der Gründung des Verlags selbst um Rechte an Laymon-Titeln angefragt haben – deutlich bevor Heyne den Autor für seine Hardcore-Reihe entdeckt hat. Etliche von Laymons Titeln fallen genau in diese Schiene überharter Thriller ohne übernatürliche Elemente.
Der bei Ihnen angekündigte Thriller von Daniel Keohane sieht nach Mystery/Verschwörungs/Geheimbundthriller aus. Ist das Buch tatsächlich in diesem Genre daheim oder unterliegt es dem scheinbar zwingenden Fluch, als Horrorgeschichte getarnt unter dem Mysterysiegel aufzutreten? Die Vita des Autors und das vorgesehen Cover deuten eher auf zweiteres.
Nein, in diesem Fall handelt es sich tatsächlich um einen echten Mystery-/Verschwörungsthriller.
Eine abschliessende Frage: Wo sehen Sie den Otherworld Verlag in den nächsten 10 Jahren?
Im Buchhandel als willkommene Ergänzung zu den Programmen der großen Verlage etabliert, bei den Lesern als Name für Qualität bekannt. Bei einer Veröffentlichungszahl von 25 bis 30 Titeln im Jahr mit einem kleinen, aber feinen Mitarbeiterstab und einem Umsatz, der die Mitarbeiter, die Verleger und deren Familien ordentlich ernährt.
Michael Krug, vielen Dank für das Gespräch!
Ich bedanke mich für die wirklich sehr interessanten Fragen