Michael Moorcock: I.N.R.I.
(OT: Behold the man; 1969) Piper Tb 02/2007; ca. 191 Seiten; ISBN 978-3-492-28618-3 Übersetzung: Carsten Polzin (komplette Neuübersetzung) Ausstattung: Nachwort d. Übersetzers
Karl Glogauer, verstörter Neurotiker seiner Zeit, den 50er Jahren, landet in der Zeit von Jesus von Nazareth und möchte unbedingt bei der Kreuzigung anwesend sein. Zu seiner grossen Irritation scheint jedoch niemand diesen Jesus zu kennen und Glogauer macht sich auf die Suche nach Jesus, um über eine horrende Wahrheit zu stolpern... .
Ein Klassiker seiner Zeit, ein Skandal damals. Wenn man das Buch heute noch liest ist es unterhaltsam, vielleicht überraschend in seiner Ruppigkeit, mit der sexuelle Neurosen und Kirche verknüpft werden. Ausserdem könnte man auf die Idee kommen, Karl Glogauer ist das Vorbild von Woody Allen, nachdem er all seine neurotischen, durchgeknallten Figuren geschaffen hat, die er in seinen Filmen immer spielte.
Was I.N.R.I. sicherlich nicht ist, das beste Buch von Moorcock. Der Meisterschöpfer von Elric hat hier eine Art Fingerübung verfasst gehabt, etwas, mit dem er sich seinen Zorn von der Seele geschrieben hat. Was der Roman schon gar nicht ist, ein Science Fiction oder Fantasy Werk. Es bedient sich der kaum beschriebenen Zeitreise so flüchtig wie möglich, um zum eigentlichen Anliegen des Autors zu kommen, der Abrechnung mit dem Glauben.
Die Zeitmaschine ist bloss vage beschrieben und von einem Vorwand einer Theorie, wie denn ein derartiger Trip zu bewerkstelligen ist, weist das Buch keine Spur auf. Lesenswert ist es auf jeden Fall. Zum einen, es ist inzwischen ein Klassiker, zum anderen, seine unverblümte Ruppigkeit ist erfrischend und es ist bösartig pointiert.
Der relativ geringe Umfang des Buches macht es leicht, das Ding als Pausenfüller zu futtern. Ein kurzer, feiner Snack von einem der grossen Meister seiner Zunft.
Fazit: Empfehlung eines Klassikers
Nachtrag: Christopher Moore: Die Bibel nach Biff ist unverschämt komisch und bescheuert und liest sich irgendwie, als gehörte es in ein Paket mit Moorcock's Werk. Als kontrastierendes Doppelpack macht I.N.R.I. doppelt Spass, wenn man seinen zynischen Grimm zuerst schmeckt, um danach eine köstliche Portion Quatsch mit Sosse zu futtern!