Inhalt: Frankreich, Anfang der 70er Jahre: Die 10-jährige Lucie schleppt sich schreiend und blutend durch ein verlassenes Industriegelände. Sie ist ihren Peinigern aus einer monatelang währenden Folter entkommen, dem Wahnsinn nahe und kommt zur Rehabilitation in ein Krankenhaus. Die Hintergründe dieser Tat werden niemals aufgeklärt ... 15 Jahre später, an einem Sonntagmorgen, sitzt eine vierköpfige Familie beim Frühstück. Es klingelt an der Haustüre und als der Vater öffnet, sieht er sich dem todbringenden Lauf eines Jagdgewehres gegenüber ... und Lucie. ... Soweit die erste Viertelstunde des Films. Was den Rest angeht, sollte man sich einfach schockieren lassen ...
Martyrs
Fr 2008; 1.85:1; ca. 96min (uncut Version); B+R: Pascal Laugier M: Seppuku Paradigm D: Mylene Jampanoi, Morjana Alaoui; Bonus: 2disc; Interviews, 85min Making-of
M
Im exzellenten Making-of des Films nörgelt Regisseur Pascal Laugier am Filmplakat (=DVD-Cover) herum, das einen vollkommen falschen Eindruck erweckt. Das stimmt, es ist vollkommen falsch. Es ist, wie er sagt, werbetechnisch gut, aber sonst nicht. Und doch ist es irgendwie gut, weil man so vollkommen unvorbereitet an das gerät, was der Film parat hält. Martyrs ist beileibe kein Film für Leute mit schwachen Nerven, sondern konfrontiert mit ausgeprägt intensiven Szene physischer und psychischer Gewalt.
A
Martyrs ist wie Inside (und mehr noch als High Tension) einer dieser unglaublich heftigen Filme, die beim Ansehen zermürben. Man wird von einer angespannten Dauererwartung von etwas Horrendem gepackt und kaum mehr losgelassen. Martyrs ist exzellent gefilmt und wirkt durch die Reduktion auf ein realistisches Level und den hauptsächlich einen Schauplatz umso heftiger.
R
Martyrs geht im Verlauf mehrmals in eine vollkommen unerwartete Richtung. Selbst wenn man glaubt sagen zu können, was jetzt kommt, es kommt was anderes. Und wenn man kurzfristig eine Art enttäuschte Erleichterung darüber verspürt, das diese oder jene Wendung die Intensität beim Zusehen gemildert hat, dann ist das allenfalls ein kurzer Moment, weil ... eine neue Überraschung.
T
Es ist vollkommen egal, in welcher Zeit der Film spielt. Die wenigen Szenen, wo man die 80er Jahre durchschimmern sieht, tragen vielmehr dazu bei, dem Ganzen eine surreal makabre Note zu geben. Ich will eigentlich gar nicht sagen, was genau ich damit meine, weil das schon wieder zu viel wäre. Soll man selbst entdecken. Wenn nicht, macht das gar nichts. Es tut dem Erlebnis von Martyrs keinerlei Abbruch.
Y
Pascal Laguier kommt in dem Interview als sehr interessanter Typ rüber. Nicht unsympathisch, intelligent und voller Gedanken. Ein Kenner von Horrorfilmen, jemand, der sehr selbstbewusst ist und genau sagen kann, was er will und was nicht. Das ist auch beim Making-of recht klar erkennbar.
R
Die beiden Hauptdarstellerinnen Mylene Jampanoi und Morjana Alaoui liefern mit ihrem Spiel eine Meisterleistung ab. Sie sind in jeder Sekunde glaubwürdig und stark genug, um die Last der Geschichte auf ihren Schultern zu transportieren. Eigentlich gibt es drei exzellente Darstellerinnen, obwohl aus gutem Grund nur diese beiden in den Vordergrund gerückt werden.
S
Laugier hat ein Monster von einem Film erschaffen. Er ist erschütternd und abstoßend, doch vollkommen faszinierend – und das ist wiederum verstörend. Der Film provoziert, ihn ansehen und unberührt zu bleiben kann vermutlich nur ein Soziopath. Man kann Martyrs bewundern oder hassen, man kann sich darüber aufregen, aber kalt lässt der Film seine Zuseher nicht.
Kurz gesagt:
- extrem intensives Erlebnis
- voller unerwarteter Wendungen
- intelligent und konsequent
Fazit: ein verstörendes Meisterstück – nur für starke Nerven
Soweit meine Meinung. Kommentare, Widerspruch, Zustimmung, Anmerkungen, etc. sind jederzeit willkommen.