Inhalt lt. Buch: Willkommen im siebten Jahrtausend! Willkommen in Tristopolis, der Stadt, die ihre Energie aus den Knochen Verstorbener bezieht! Dies ist die Geschichte von Polizei-Inspektor Donel Riordan, der einen scheinbaren Routinefall übernimmt: Er soll eine Opernsängerin vor Attentätern beschützen, die es auf die Knochen berühmter Künstler abgesehen haben. Doch bald muss er erkennen, dass sich dahinter eine Verschwörung verbirgt, die Tristopollis in ihren Grundfesten erschüttert ...
John Meaney: Tristopolis
(OT: Bone Song; 2007) Heyne Tb 09/2007; ISBN 978-3-453-52295-4; ca. 509 Seiten Übersetzung: Peter Robert Ausstattung: Taschenbuch
Das Lied der Knochen
Eine selten schöne und in winzigen Details durchdachte Ode an die Morbidität. Die zu Grunde liegende Detektivgeschichte mag für ausgefuchste Leser von Thrillern nicht gerade der Knaller sein, aber sie ist auch nur der McGuffin, den der Autor benutzt, um uns einen Einblick in diese faszinierende Stadt zu gewähren, in der die Knochen der Toten die Energielieferanten für die Lebenden darstellen. Es scheint eine Hölle zu sein, in Tristopolis zu sterben und eine Ewigkeit der Qualen ertragen zu müssen.
Wie auch bei uns sind Sammler und Fans unterwegs, die Prominenten auflauern, in diesem Fall, um sie zu töten und in den Besitz ihrer Knochen zu gelangen, Knochen, die Geschichten erzählen. Donal Riordan ist einer der Cops die abgestellt werden, eine Operndiva zu schützen. Und er kommt einer ungeheuren Verschwörung auf die Spur, etwas, das diese Form der Zivilisation bedrohen könnte.
John Meaney ist ein Knochenpoet der Dunkelheit. Tristopolis ist eine wunderschöne, düstere, tödliche Stadt, in der Magie, Wissenschaft, Technik, intelligente Maschinen, Beschwörungen und Zombies, die rein gar nichts mit unseren Klischees zu tun haben, eine schwarze Melange ergeben, die bis in sprachliche Kleinigkeiten zum Thema Tod, Morbidität und Depression ausgefeilt ist.
Das wahre Goth
Apropos Zombies: es gibt in dieser uns so fremden Welt, in der Lieutenant Riordan eine schundige Romanserie über eine Parallelwelt liest, die unsere sein dürfte, mehrere Formen der eXistenZ, die menschlich zu nennen jetzt nicht korrekt wäre, aber dem nahekommt. Von diversen anderen höllischen Lebensformen abgesehen.
Tristopolis ist trotz seiner Schwelgerei in Tod und Düsternis kein depressiver Roman, im Gegenteil. Er strotzt vor Lebensfreude, vor unbeschwerter Sexualität, vor Energie. Auf makabre Art macht es Spass, durch diese düstere Welt zu reisen. Also kein Buch für kleine Goth-Girls und Goth-Jungs, die meinen, soooo cool und alternativ und anders zu sein. Lest dieses Buch und werdet euch der Lächerlichkeit eurer Charade bewusst, echt!
John Meaney hat in meinen Augen etwas einmaliges geschafft: Er hat sich zum Edgar Allen Poe des 21. Jahrhunderts geschrieben. Was Poe im 19. Jahrhundert gemacht hat, Todessehnsucht, Morbidität, ausufernde Phantasien und hingebungsvolle Liebe zu seinen wunderbaren Werken zu verschmelzen, genau das hat Meaney in diesem Roman auch gemacht.
Und noch etwas führt Meaney eindrucksvoll vor: Er nimmt alle literarischen Versatzstücke, die schon seit Ewigkeiten vorhanden sind und würfelt sie einfach neu, auf bisher ungekannte Art und Weise. Das ist alles!
Er hat nicht das Rad neu erfunden und darum sollte jeder, der selbst SF, Fantasy, Horror schreibt, dieses Buch lesen um zu sehen, wie es aussieht, wenn ein Autor all die Elemente, die man selbst verwendet, richtig zu nutzen weiss. Klar, Tristopolis wird so schnell keinen "hohen" Literaturpreis gewinnen, aber mal ehrlich, darauf kann man herzlich was scheissen.
Das Buch macht es Lesern nicht einfach: Es ist Science Fiction, Fantasy, Horror und Krimi in einem. Tja, solche Bücher sind der Grund, warum die in diversen Foren immer wieder geforderte Trennung von SF und Fantasy einfach nicht klappen will. Der Science Fantasy Krimi. Eigene Kategorie. Nichts für verzopfte und hochnäsige, ignorante Buchhändler, die viel zu wenig von ihrem Elfenbeiturm der hohen Literatur hinunter in den Sumpf der guten Unterhaltung steigen.
Mit dem Buch verhält es sie wie mit Sex: Wer braucht das ach so meisterhafte Kamasutra, wenn ein schneller Fick einfach nur geil und befriedigend sein kann? Tristopolis ist so ein Fick, das Buch fickt dich ins Gehirn und zeigt dir, warum du Phantastik magst.
Kurz gesagt:
- unerhört originelle und detaillierte Geschichte
- faszinierender, spannender Weltenentwurf
- bittersüss und tragisch
Fazit: Genial, unbedingt lesenswert.
Danke für das Interesse. Kommentare, Widerspruch, Zustimmung, Anmerkungen, ect. sind jederzeit willkommen.