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Jason N. Beil: Flucht nach Faerie

Flucht nach FaerieInhalt lt. Buch: Alek Maurer ist Bäckerlehrling im Dorf Bartambuckel. Eines Tages entdeckt er beim Entrümpeln eines Kuriositätenladens einen kostbaren Anhänger. Kurz darauf taucht im Dorf ein Fremder namens Salin Urdrokk auf, der Alek einen hohen Betrag für das Schmuckstück bietet. Alek willigt ein. Aber die Übergabe schlägt fehl und als Salin den Bäckerlehrling nicht antrifft, verfällt er vor Wut in Raserei. Er sucht Aleks Bäckerei auf, tötet den Bäckermeister und zerstört das Haus. Als Alek davon erfährt, tritt er überstürzt die Flucht an, um den Talisman zurück zu seinen Erschaffern zu bringen, den Elben im Reich Faerie - nur dort ist er vor Salin sicher. Doch der Weg dorthin ist weit und führt durch wilde Gebiete, voll von Gefahren - ganz zu schweigen von Salin Urdrokk und dessen Schergen, die Alek dicht auf den Fersen sind ...



Jason N. Beil: Flucht nach Faerie (Die Talisman-Kriege 1)

(OT: The Talisman of Faerie; 2004) Otherworld 2010, 448 Seiten; ISBN: 978-3-8000-9516-2; Übersetzung: Michael Krug; Ausstattung: Klappbroschur

Pro und Contra

Ich bin ehrlich gesagt nicht so der Fan von klassischer High Fantasy. Nicht mehr, um es genauer zu sagen. All die Inkarnationen von Elfen, Orks, Zwergen, Magiern und Konsorten sind inzwischen etwas abgegriffen und langweilig. Aber das ist eine relativ einsame Meinung, wenn man sich die immer noch anhaltende Flut derartiger Titel ansieht.

Aber gelegentlich ein richtig guter Fantasyroman, so etwas weiß ich durchaus zu schätzen. In kleiner Dosierung können diese Romane allerfeinste Sahne sein. Solange die Bücher es vermeiden, durch den Staub der von Tolkien verbrannten Erde zu stolpern, bin ich immer für Fantasy zu haben. Sogar das Tolkienschema neu, komplex und toll umgesetzt vermag mich zu begeistern. Die Tad Williams Romane um Simon Goldlocke zum Beispiel. Grandios.

Und dann ist da Jason N. Beil.

Unentschlossen, was er schreiben will, schrammt er zwischen guten Ideen, feiner Ironie und haarsträubend holpriger Klischeensammlung dahin, halb an seinem Bombast erstickend. So ist Flucht nach Faerie eine etwas zwiespältige Lektüre geworden. Eigentlich nicht schlecht, aber mit einigen Macken, die das Vergnügen dämpfen.

Plus und Minus

Das Buch liest sich sehr flott, das ist auf jeden Fall positiv. Im Gegensatz dazu mein momentaner Fantasyliebling, die Spiegelzwillinge von Sean Williams, die eine echte Herausforderung darstellen und nur mit gedrosseltem Tempo zu verdauen sind.

Einen so hohen Anspruch sollte man bei Beil nicht erwarten. Sein Roman ist auf spießige Art traditionelle Fantasy, die den absolut klassisch zubereiteten Eintopf des Genres nachkocht, ohne mehr als ein, zwei Körnchen neue Gewürze zu verwenden.

Das ist per se absolut nichts Schlechtes. Klassiker sind nicht umsonst Klassiker, sie verwenden dasselbe Rezept und würzen neu. Aber sie würzen kräftiger. Leider kommen dem guten Jason Beil seine Ticks in die Quere und vermasseln ihm das Potential zu einem soliden Fantasyzyklus mit Potential zum Klassiker.

Beil macht den gleichen Fehler, wegen dem der einst wirklich gute Wolfgang Hohlbein seit Jahren so unerträglich ist: Mit tausend Prozent Dramatik anfangen, ohne Spielraum für Steigerungen zu haben. Genau damit wird allerdings auch jeder Höhepunkt versemmelt – schließlich sollte die Geschichte zum Finale hin noch eine Steigerung erfahren.

Hohlbein habe ich aufgegeben, Jason Beil hingegen noch nicht. Denn der Roman ist der erste Band eines Zyklus, der eigentlich das Zeug zu beträchtlich mehr hat. Flucht nach Faerie endet ziemlich abrupt, also kann man noch nicht einmal im Ansatz sagen, wie es hier mit dramatischen Höhepunkten klappen wird.

Beil ist streckenweise ungeschickt. Zitat: »Als der alte Mann den Raum betrat, deutete die Kreatur auf ihn. Ein Schauder lief ihm über den Rücken. Der Reiter war ein finsterer, mächtiger Hexer, doch die Kreatur auf dem Thron war erheblich finsterer und mächtiger.« Zitat Ende.

Allerdings hat uns der Autor schon zwei Seiten lang darauf vorbereitet, dass wir dem absolut Bösen begegnen werden – die ersten zwei Seiten des Romans nämlich. Das Wetter ist Scheiße, das Böse residiert in einer leeren, verfallenen Festung inmitten einer Einöde, im Zentrum ein hunderte Stockwerke hoher Turm, unendliche Treppen und zu guter Letzt die Schilderung des Bösen. Dann versucht er das Ganze mit seinem »finsterer und mächtiger« zu toppen – aua, das tut weh. Eine etwas hilflose Übertreibung.

Immer wieder irritierend finde ich Formulierungen wie diese: »Sein Haar war licht und grau, sein Fleisch mit Altersflecken übersät.« Zitat Ende. Altersflecken bekomme ich eigentlich auf der Haut. Wenn mein Fleisch Altersflecken hat, dann könnte man eher von Verwesung sprechen. Aber vielleicht bin ich zu pitzelig.

Auch dass Figuren, die wenig Zeit haben, dann zu ausführlichen Erkärungen ihrer Geschichte neigen, kommt mehrmals vor. Das ist nicht falsch, aber schon wieder irritierend.

Au weh, die Lieder! Furchtbar!

Noch ein Minus bevor ich zum Plus komme: Die Namen! Unser Held nennt sich Alek Maurer. Was für ein phantasievoller Fantasynamen. Ein angehender Bäcker namens Maurer in einem High Fantasy Roman. Pff! (Das ist stänkern, ich weiß. Tschuldigung. Aber ich will keinen Fantasyhelden namens Maurer haben. Das kann ich gern in einem Wiener Krimi lesen.) Wir haben einen Michael! Eine Sarah! Oh Mann, wie ... fad! Aber ganz schlimm finde ich zwei Schwestern, die der Gruppe der Bösen zugeordnet sind, nichts reden und Stiletta und Gwendolyn heißen!

Stiletta! Geiler Namen für einen S/M Porno:

Stiletta trieb ihm ihre Stilettos ganze zehn Zentimetter tief in den Arsch, während er sich schmerzerfüllt am Boden wand und die Qualen mit der Gier eines Verdurstenden trank! »Oh Herrin,« stöhnte er. »Hör bitte nicht auf.«

Tja.

Zu Gwendolyn fällt mir Gwendoline ein, der Fantasy-Softporno von Just Jaeckin mit Tawny Kitaen. Ein todschicker Klassiker! 1984 ein Aufreger. Unbedingt ansehen!

Ja und Nein

So, jetzt zum Positiven: Da wäre die Hauptfigur Alek Maurer. Abgesehen vom Namen ist er ein halbwegs untypischer Held wider Willen, das ist sehr unterhaltsam. Eigentlich möchte er nur Bäcker sein, ist eher dicklich und ungelenk, hat einen Faible für schlichte Lieder und keine Ahnung von der Welt. Sein Wachsen an den unfreiwilligen Abenteuer ist nachvollziehbar, die Ansätze der aufkeimenden Liebesgeschichte sind sympathisch ungelenk und tollpatschig. Dieser Held funktioniert relativ gut.

Dann haben wir einen unerwarteten Splattereffekt. Leider nur einmal, aber immerhin. Das überrascht und läßt in den kommenden Büchern auf mehr hoffen. Überdies sind die zahlreichen Kämpfe im Buch recht gut geschildert und von mittlerer Härte, angemessen für diese Geschichte.

Mit voranschreiten der Handlung scheint sich ein ironischer Unterton einzuschleichen. Ganz so, als ob Beil mittendrin einen Anfall von Ironie bekommen hätte, der sich sehr wohltuend bis in die Seiten des Buches fortgesetzt hat. Diese Ironie bricht das Übertreiben der Schilderungen und bringt das Buch auf ein vernünftiges Niveau.

Es passiert beinahe ununterbrochen etwas. Langweilig ist der Roman nie. Der Autor stolpert zwar immer wieder über seine Ticks, aber er weiß, was Sache ist: Tempo, Tempo, Tempo. Das hält er durch. Er verstolpert sich zwar hin und wieder in haarsträubend groteske Situationen mit noch absurderen Lösungen, aber die Geschwindigkeit rettet über diese Schwächen hinweg.

Beil hat viel Stoff für viele Handlungsstränge parat, das schimmert immer wieder durch. Er muß nur Acht geben, sich nicht zu verheddern, aber Material gibt es zur Genüge.

Wie oder Was?

Nun, hat mir das Buch jetzt gefallen oder nicht? Das kann ich mit einem eindeutigen Jein beantworten! Den nächsten Band möchte ich auf jeden Fall lesen, weil ich unterm Strich soweit unterhalten worden bin, um das Buch doch zu beenden.

Trotz aller Schwächen ist das Buch unterm Strich positiv zu sehen, weil der Roman den Eindruck erweckt, nichts weiter als spannende Lektüre sein zu wollen. Das ist dem Autor öfter gelungen als mißlungen und damit ist die Sache schon nicht so schlecht.

Natürlich gibt es bessere Fantasy, aber bedeutend mehr schlechte, langatmige Bücher als dieses, auch wenn sie besser geschrieben sind. Der Roman ist wieder einmal der Nachweis dafür, dass es nicht darauf ankommt, wie meisterhaft ein Autor Wort an Wort reihen kann, sondern ob er eine interessante Geschichte erzählt.

Und diesbezüglich steckt ordentlich Saft in diesem Schinken. Wenn Beil ein wenig konzentrierter zur Sache geht, dann könnte etwas wirklich Gutes entstehen.

Kurz gesagt:

  • klassische Fantasy

  • etliche ärgerliche Schwächen

  • ordentlich Potential vorhanden

Fazit: für die kurzweilige Unterhaltung zwischendurch durchaus in Ordnung

Soweit meine Meinung. Kommentare, Widerspruch, Zustimmung, Anmerkungen, etc. sind jederzeit willkommen.