Inhalt lt. Buch: Schock für Special Agent Pendergast: Einer seiner Freunde wird brutal ermordet - von einem Mann, der bereits vor einigen Wochen Selbstmord begangen hat! ZOMBIES IN NEW YORK - diese Schlagzeile sorgt in kürzester Zeit für Angst und Schrecken. Aber ist es wirklich möglich, dass die Toten sich aus ihren Gräbern erheben? Pendergast findet eine Spur, die ihn in die Katakomben unter einer alten Kirche führt - den Sitz einer Sekte, die dunkle Ziele verfolgt ...
Douglas Preston & Lincoln Child: Cult
(OT: Cemetery Dance; 2009) Droemer 2010; ca. 502 Seiten; ISBN:Übersetzung: Michael Benthack; Ausstattung: 978-3-426-19809-4; Hardcover mit Schutzumschlag, geprägter Titel, Nachwort, FAQ Romane
Der Wurm Ouroboros
Ein Beispiel dafür, was ich an Thrillern wie jenen von Preston/Child so gerne mag: In der Geschichte wird auf ein Buch des Anthropologen und Ethnobotanikers Wade Davis hingewiesen. Davis hat sich eingehend mit der Kultur des Voodoo auf Haiti beschäftigt. Nun, in meiner Bibliothek steht seit dem Erscheinen 1986 ein (anderes) Buch von Davis, schon schrecklich vergilbt. Der Originaltitel von Die Toten kommen zurück lautet The serpent and the rainbow.
Dieses Buch hat 1988 als Vorlage für den Wes Craven Film Die Schlange im Regenbogen hergehalten, ein sehr guter Voodoo Thriller mit politischem Subtext. Überdies ist der Titel in seiner deutschen Ausgabe bei Droemer erschienen, dem Verlag von Preston/Child. Damit schließt sich für mich ein Kreis ... fast wie durch Zauber, hm?!
Wie gesagt, ich mag solche Dinge. Und was ich noch mag: Wir haben hier einen Zombiethriller mit realistischem Hintergrund. Aber keine Angst, wer Zombies nicht mag, wird hier mit der real möglichen Variante konfrontiert.
Der Titel als Programm
Cult könnte auch die passende Bezeichnung für Special Agent Pendergast sein. Pendergast ist Kult! Ich liebe diese schräge Figur seit ihrem ersten Auftritt in Relic. Pendergast, der merkwürdig gruselige, hoch intelligente und überragend gebildete FBI Agent, stets in Schwarz, blaß wie der Tod, der im Rolls Royce mit Chauffeur zu seinen Einsätzen vorfährt.
Creepy wäre eine passende Beschreibung. Doch, ja, Pendergast ist creepy.
Der stets höfliche Pendergast, der immer wieder mit dem schlichteren Lieutenant D‘Agosta zusammen in haarsträubende Verwicklungen gerät, die beide vollkommen unterschiedlich erkennen und empfinden. Was für ein Kontrast: Pendergast, das Genie auf allen Gebieten, höflich, ruhig und damit umso erschreckender. Ausgezeichneter Schütze, Kämpfer und Forscher, aber nicht unverwundbar. Ein Südstaaten-Gentleman.
Im Gegenzug D‘Agosta, der wie eine Dampfwalze fluchend durch die Gegend poltert, und damit sich und andere Leute immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Süchtig nach Kaffee, in schlechter Kondition und nicht sonderlich vorausschauend, was die Folgen seines Handelns betrifft. Hat überdies laufend Probleme, die unwirklich anmutenden Theorien von Pendergast zu akzeptieren, sofern dieser sich näher darüber auslässt, was in seinem Kopf vorgeht.
Auch in diesem Roman ist eines der größten Vergnügen, Pendergast bei seiner Arbeit zu verfolgen, mit D‘Agosta in Ärger zu geraten und sich daran zu erfreuen, wie es den Autoren gelingt, ihr ungleiches Nicht-Duo von Buch zu Buch mit neuen, schrägen Fällen zu konfrontieren.
Pendergast ist sicherlich eine der originellsten Figuren im Thrillergenre. Eigentlich eine Schande, das die durchaus nicht schlechte Verfilmung des ersten Romans, Das Relikt, Pendergast und D‘Agosta zu einer Person verschmolzen hat.
Voodoo, Obeah & Co.
Es gibt etliche anwendbare Naturgifte, die einen Menschen in einen Zustand versetzen können, der sie wie einen Zombie erscheinen läßt, willenlos, ferngesteuert, motorisch gestört. Das beschreibt Wade Davis, das beschreiben Preston/Child.
Mit schrulligen Nebenfiguren und detaillierten Schilderungen baut das Buch eine angenehme Aura eines sorgfältig durchdachten und recherchierten Thrillers auf, dessen Autoren ganz genau wissen, das die haarsträubende Grundidee des Buches durchaus einer vernünftigen Lösung zugeführt werden kann.
Preston/Child verstehen es geschickt, wissenschaftliches Grundwissen und Fakten in eine spannende und skurrile Geschichte zu verwandeln, die dem Leser das befriedigende Gefühl vermittelt, so nebenbei auch noch etwas gelernt zu haben. Mit Pendergast haben sie den idealen Informationsträger geschaffen. Und dort, wo sogar Pendergast an seine Grenzen stößt, kennt er jemanden, der ihm weiterhelfen kann und in manchen Belangen noch seltsamer ist.
Voodoo versus Manhatten, eine überaus spannende Konfrontation, in der noch einige eigennützige Parteien mitmischen, die das Buch zu einem unentwirrbaren Knäuel an Fährten und Irrwegen geraten lassen, der von Pendergast mit merkwürdigen Methoden aufgeknüpft wird. Pendergast, dessen eigene Familiengeschichte und Vergangenheit wieder einmal eine Rolle spielen.
Der geneigte Leser findet genug interessanten Stoff über Voodoo in dem Buch, um sich vielleicht damit ein klein wenig zu beschäftigen, einfach, weil das Thema so viel bizarren Stoff hergibt, weil es ein Einblick in eine Welt voller fremder, unverständlicher Gedankengänge und Glaubensvorstellungen bietet.
Fast jeder Pendergast Thriller hat solche Verlockungen zu bieten und das ist mehr, als man von einem Roman erwarten würde.
Die ironische Hintertüre
Eifrigen Lesern der Pendergast Thriller erzähle ich nichts Neues, wenn ich wieder einmal festellen muß, wie witzig die Bücher zeitweise sein können. Preston/Child haben eine sehr angenehme Art, ironische Kommentare praktisch nebenbei und fast unbemerkt in ihren Romanen unterzubringen.
Man lese nur einmal aufmerksam die Personenschilderung beim ersten Treffen der verschiedenen Gruppenleiter der diversen Tierschutzorganisationen. Mehr sage ich nicht, weil ich niemandem den Spaß nehmen will. Diese Begegnung ist in meinen Augen geradezu ein Paradebeispiel von hintergründigem Humor.
Dinge wie diese Seitenhiebe finden sich in jedem Pendergast Roman.
Dieses, Jenes & die Reihenfolge
Cult ist nach Darkness der zweite Roman um Pendergast, der mit der neuen Covergestaltung aufwarten kann. Vielleicht einen Tick zu sehr auf Mystery getrimmt, aber besser als die vorherigen Cover, weil sie die in den Büchern herrschende Stimmung treffender darstellen.
Mit Ausnahme der sogenannten Diogenes-Trilogie (Burn Case; Dark Secret; Maniac) lassen sich alle Romane unabhängig voneinander lesen, notfalls sogar die Trilogie.
ABER: Es macht bei weitem mehr Spaß, wenn man sich grob an die Reihenfolge der Bücher hält, da es etliche Figuren gibt, die immer wieder auftreten, weil immer wieder Bezug auf Geschehnisse in anderen Büchern genommen wird und vor allem weil sich Pendergast und auch D‘Agosta seit dem ersten Buch stetig weiterentwickelt haben.
Wie gesagt, es muß nicht sein.
Komplette Neueinsteiger können ganz entspannt mit Cult zu beginnen – es verrät nicht zuviel über die vorherigen Bücher. Bei Gefallen kann man sich von hier aus in die vorherigen Bücher einlesen.
Ich würde aber empfehlen, Attic erst nach Relic zu lesen. Der dritte Roman, Formula, steht für sich. Ritual ist das nächste Buch, dann folgen die oben erwähnte Diogenes-Trilogie, Darkness und jetzt eben Cult. In den USA erscheint dieses Frühjahr der nächste Band, Fevre Dream.
Non-Pendergast, Solowerke & Family Affairs
Aus dieser Serie heraus fallen die dazwischen erschienenen Gemeinschaftswerke Mount Dragon, Riptide, Thunderhead und Ice Ship. In Thunderhead taucht auch die Figur der Nora Kelly erstmals auf, die dann zur Besetzung der Pendergast Romane avanciert ist.
Mein absoluter Liebling dieser Romane ist Riptide, gefolgt von Ice Ship. Auch diese Romane bieten genügend wissenschaftlichen und hinstorischen Hintergrund. Bei Riptide ist es unter anderem die Faszination der Architektur.
Preston und Child sind gelegentlich auch als Solisten unterwegs (eine Auswahl der dt. Titel):
Bei Douglas Preston hätten wir die fetten Abenteuerschinken Codex und Canyon, die sich um Jim Broadbent drehen und eine Art von moderne Indiana-Jones Abenteuer darstellen. Die zwei Bücher haben einen hohen Spaßfaktor. Dann wäre da noch Credo, der clevere und mitreißend spannende Wissenschaft vs. Religion Thriller.
Die KI-Thriller Das Patent und Eden Inc sind die ersten beiden Solowerke von Lincoln Child, denen dann die Horrorthriller Wächter der Tiefe und Nullpunkt folgen.
Sowohl bei Douglas Preston wie auch bei Lincoln Child ist zu bemerken, das sie ein wenig anders schreiben, wenn sie alleine unterwegs sind. Es erscheint fast so, als wäre Preston/Child eine eigenständige Person. Was in gewisser Weise auch zutrifft.
Dann wäre da noch ein interessantes Detail: Richard Preston! Er ist der ältere Bruder von Douglas. Autor unter anderem der Tatsachenthriller Hot Zone und Cobra. Wobei wir mit dem Ebola-Tatsachen-Thriller Hot Zone das horrend spannende Buch haben, das als Inspiration für den Film Outbreak hergehalten hat. Also auch hier eine entzückende kleine Schleife. Habe ich schon angemerkt, solche Dinge zu mögen?
In eigener Sache
Merkt man ein wenig den Fanboy? 'tschuldigung. Aber ich mag die Preston/Child Romane wirklich sehr gerne. Exakt seit meiner ersten Begegnung mit Relic. Für mich sind das perfekte Thriller: Sie verkaufen mich nicht für dumm, ich errate nie die Lösung und werde bestens unterhalten. Ich habe bei jedem Buch das Gefühl, etwas Neues zu erfahren, ohne belehrt zu werden. Ein Thriller ist ein Thriller ist ein Thriller, er soll spannende Unterhaltung liefern. Alles andere ist Bonus. Mit dieser Einstellung kann man wirklich gaaanz entspannt und genießerisch lesen. Mal ausprobieren!
Und nein, für meine Begeisterung werde ich nicht bezahlt :-)
Kurz gesagt:
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sehr unterhaltsamer Thriller
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wunderbar schrullige Hauptfigur
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Fortführung einer lesenswerten Serie
Fazit: Ganz echt? Echt lesenswert!
Danke für das Interesse. Kommentare, Widerspruch, Zustimmung, Anmerkungen, ect. sind jederzeit willkommen.