Douglas Preston: Credo
(OT: Blasphemy; 2008) Droemer Hardcover 06/2008; ISBN 978-3-426-19798-1; ca. 586 Seiten Übersetzung: Katharina Volk Ausstattung: Hardcover mit geprägtem Umschlag
Douglas Preston schreibt Thriller vor einem wissenschaftlichen Hintergrund. Einen grossen Teil seiner Bücher hat er zusammen mit Lincoln Child verfasst. Bekannt wurde das Duo durch den Roman Relic, der mit einigen Änderungen als Das Relikt in die Kinos kam und den Auftakt zu einer genialen Serie rund um den skurrilen und von Fall zu Fall bizarrer werdenden FBI Ermittler Pendergast bildete. Dabei haben die beiden Autoren mit untrüglichem Gespür immer die richtige Mischung aus ernsthaftem Science Thriller und haarsträubendem Quatsch gefunden.
Sowohl Lincoln Child wie auch Douglas Preston verfolgen auch Solokarrieren. Credo ist nun das neueste Solowerk von Preston. Wo seine Vorgängerromane schon fast moderne Indiana Jones Bücher waren, so ist er hier zurück im Terrain der Wissenschaft und konfrontiert sie diesmal mit Theologie.
Wir finden uns in der Teilchenphysik und einem Team von Forschern passiert beim hochfahren des Teilchenbeschleunigers schier Unglaubliches: Aus dem Inneren des Geräts meldet sich etwas, jemand, Gott? Während die Forscher die Regierungsstellen mit Ausreden hinhalten, schleust diese einen Ermittler bei ihnen ein, während ein gestrauchelter Fernsehprediger in einem inszenierten Feldzug gegen die Anlage seine Chance auf Rehabilitation wittert und die in der Umgebung lebenden Indianer einen friedlichen Protest gegen die Anlage in ihrer Nachbarschaft starten.
Es kommt, was kommen muss: Die Situation gerät ausser Kontrolle - mit katastrophalen Folgen. Bei all der Action und den überaus faszinierenden, wissenschaftlichen Fakten, die er vermittelt, widmet sich Preston in seinem Thriller mehr einer anderen Thematik, nämlich der Konfrontation von Wissenschaft versus Glauben. Zum handwerklichen Teil des Buches lässt sich sagen, das es flott und mitreissend geschrieben ist, ein echter Pageturner, der in hohem Tempo durch die Handlung jagt und dabei umfassend unterhaltsam ist. Die Geisteshaltung einiger Figuren ist körperlich abstossend und die von ihnen ausgehende Gewalt wirkt doppelt grausam. Preston treibt die Action gegen Schluss des Romans in die monumentalen Dimensionen eins Jerry Bruckheimer Films. Nicht immer ganz glaubwürdig, aber zur Geschichte passend und eindrucksvoll bombastisch. Das macht jede Menge Spass.
Obwohl Preston versucht, sich neutral zu halten gelingt es ihm nicht, seine persönliche Überzeugung zu unterdrücken. Wissenschaft gehört vor den Glauben gestellt. Es zählen die Fakten. In den Dialogen zwischen den Forschern und jener Entität, die von sich behauptet der Schöpfer zu sein, wird die Menschheit beschworen, Religion und Glaube aufzugeben und die Wissenschaft an ihre Stelle zu setzen.
Ein überaus sympathischer, aber nicht unbedingt problemloser Wunsch, dessen damit einhergehende Schwierigkeiten einen beträchtlichen Teil der Handlung und ihrer Katastrophen ausmachen.
Theoretisch ist die Sache ganz einfach: Wenn man aufhört zu glauben und sich rein an den Fakten orientiert, dann gibt es für viele menschliche Desaster keine Grundlage mehr. Religiöser Fanatismus, Glaubenskriege, Missionierungen und unsägliche lebens-erschwerdene Regeln würden verschwinden und das Denken von Angst, Unterdrückung, Einflussnahme und Bevormundung befreien. Fegefeuer, jüngstes Gericht und andere absurde Ideen würden keine Rolle mehr spielen, es gäbe keine Selbstmordattentäter, keinen Grund für die Perversion der Verschleierung und so weiter.
Aber: Aus reiner Wissenschaft kann so schnell eine neue Form von Glauben erwachsen, das das Grundübel wieder zurückkäme, nur unter neuem Namen und mit neuer Ausprägung, aber mit ähnlichen menschlichen Idiotien verseucht. Würde man also tatsächlich alle Religionen durch Wissenschaft ersetzen, dann täte sich die Wissenschaft zur Religion erheben.
Das ist im Grunde recht simpel fabuliert und von jemandem mit umfassender tehologischer und geschichtlicher Bildung mit wenigen Worten leicht zu zerpflücken, aber mehr oder weniger ein nachvollziehbarer Gedankengang, den Douglas Preston hier anstellt. Dem glitschigen Untergrund von faktischer Argumentation auf dem Boden des Glaubens, sprich, des Nichtwissens, entgeht der Autor mit dem Kniff des Betrugs.
Diese Pointe funktioniert in doppelter Hinsicht: Weil sie recht eindrucksvoll vorführt, wie schrecklich dumm und manipulierbar Gläubige sein können, wenn sie sich am Glauben festhalten und das Wissen in Abrede stellen. Und weil sie genauso zeigt, das die Wissenschaft als Ersatz für Religion nicht brauchbar ist, da sie relativ einfach als Glaube zu missbrauchen ist.
Als Pointe hat Preston die umfangreichen, aber spannend zu lesenden Dialoge zwischen dem vorgeblichen (?) Schöpfer und den Wissenschaftern am Schluss nochmal als eigenes Kapitel aufgeführt. Für all jene, die noch schneller durch das Buch kommen wollen, als es das hohe Tempo der Handlung ohnehin schon vorgibt oder die in Ruhe die so vorgebrachten Argumente nochmal durchgehen wollen, eine sehr nette Geste.
Fazit: Lesenswerter, intelligenter Actionthriller