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Der Verlust der Horrorfrau

Barcode BlogOder: Der nichtexistente, jedoch effektive Vernichtungsschlag unserer Baby-Tochter gegen gemeinsame Horrorfilmabende



Wir haben schon ziemlich am Beginn unserer Zweisamkeit begonnen, am Abend gemeinsam Horrorfilme zu schauen. Nicht nur natürlich, aber doch regelmäßig und mit Begeisterung. Eva hat es geliebt, sich bei diesen Filmen zu erschrecken und sie gehört zu jenen Frauen, die aufschreien oder kreischen, wenn der Film einen Schock verursacht. Danach hat sie gelacht und ich hatte das doppelte Vergnügen. Den Grusel des Films und den Schreck, den sie mir beim Kreischen versetzt hat.

Ganz besonders schlimm war es bei japanischen Filmen, wenn Frauen mit langen Haaren aufgetaucht sind: Den Kopf gesenkt, das Haar als Vorhang vor dem Gesicht, langsame Schritte, leichenblasse Haut. Der pure Horror! Da ist sie regelmäßig ausgeflippt und in der Nacht nicht mehr alleine durch die Wohnung gegangen. Keine Chance. Das hat ziemlich viel Spaß gemacht. Das muß man den Japanern wirklich lassen, das mit den langen Haaren vor dem Gesicht – ein Alptraum!

Den Vogel abgeschossen hat jedoch ein spanischer Film – The Baby‘s Room, von Alex de la Iglesia. Der Film hat den Schrecken über die Geräusche eines Babyfons transportiert und dann mit entnervenden (vor allem für Eltern) Bildern aufgepeppt. Das war wirklich ein schlimmer Film. Ein kleines Meisterwerk, absolut.

Dann wurde Eva zu unserer großen Freude schwanger. Da während der Schwangerschaft kein sinnloses Risiko eingegangen werden sollte, haben wir die Horrorfilme zu unserem großen Bedauern auf Eis gelegt. Nicht auszudenken, was ein plötzlicher Schrecken unter Umständen hätte auslösen können. Kein Film auf der Welt ist das wert.

Also, keine gemeinsamen Horrorfilme. In der Zwischenzeit hatte ich mich schon so sehr daran gewöhnt, das ich zu dieser Zeit mehr oder weniger auf derartiges verzichtet habe. Vereinzelte Filme wie den ultrabösen, genialen [Rec] habe ich mir alleine angesehen, weil ich absolut nicht warten wollte. Aber das war kein Problem, da ich ohnehin Filme immer wieder angucke.

Überdies waren wir sicher, schon einige Zeit nach der Geburt könnten wir wieder mit sachten Gruselfilmen neu starten und uns langsam auf den Schocklevel von früher hocharbeiten zu können. Nun, Illusionen braucht der Mensch im Leben, sonst ist das Leben nicht lebenswert.

Unsere Kleine kam auf die Welt. Süß und entzückend, atemberaubend und spannender als jeder Film. Die ersten vier Monate waren weder Fernseher noch Filme ein Thema. Wer braucht schon Blöd-TV, wenn er ein Baby daheim hat? Jede Minute, die frei ist, wird entweder zum schlafen, zum miteinander reden oder zum lesen benötigt. Da spielt alles Andere nur eine sekundäre Rolle.

Dann kamen eines schönen Nachmittags die Geräusche aus unserem Babyfon. Da war ein Baby zu hören – aber nicht unseres! Das war im ersten Moment ziemlich schockierend, stellte sich aber schnell als kurioser Unfall von zwei Babyfons heraus. Das Gerät unserer unmittelbaren Nachbarn verwendete dieselbe Frequenz. Das Problem war schnell gelöst und der Schrecken hielt sich in Grenzen. Dann kam der Abend, an dem wir gemeinsam einen Horrorfilm angucken wollten. Das Baby schlief, draußen war es dunkel, was gab es besseres, als auf der Couch unter einer Decke zu mümmeln und sich zu gruseln.

In meiner Begeisterung schlug ich [Rec] vor. Sie stimmte zu. Ich glaube, an jenem Abend hat meine Frau den Film nur knapp überlebt. Sie hat sich derartig erschreckt, das war schon gar nicht mehr komisch. Aber sie kann stur sein und darum hat sie sich den Film zu Ende angesehen. In dem Film gibt es übrigens ein kleines Mädchen, dem etwas sehr, sehr Böses zustößt. Und es gibt eine unheimliche Gestalt, die man kaum jemals richtig sieht.

Na gut. Also doch noch nicht soweit, ein wenig warten, bis sie wieder mehr Energie übrig hat. Kein Problem. Ein Film mit Tony Jaa (Zitat: Der ist geil!) tut‘s schließlich auch und wenn Johnny Depp (Zitat: geile Sau!) zu sehen ist, kommt die Welt wieder in Ordnung.

Mein Vorschlag, doch wieder einmal einen gruseligen Film zu probieren – vor allem, weil da mehrere Horrorfilme mit Kindern kommen – The Orphanage und Co., wurde abgeblockt. Keinesfalls irgendetwas mit Kindern. Auf gar keinen Fall. Na gut. Vielleicht etwas anderes. Ja sicher, aber noch nicht.

Unser nächster Versuch eines Filmabends war ein anspruchsvolles Drama mit Angelina Jolie (haha, ehrlich), der Clint Eastwood Thriller nach einer wahren Begebenheit: Der fremde Sohn. Dabei geht es um eine alleinerziehende Mutter, die eines Tages heimkommt und ihr Kind ist verschwunden. Nach Monaten taucht es wieder auf, aber sie ist überzeugt, es ist nicht ihr Sohn, während die Behörden sie zum Schweigen bringen wollen.

Naja, ungefähr gegen Ende der ersten 15 Minuten ist das Kind weg – und dann war das Filmgucken auch schon zu Ende. Eva hatte keine Nerven für einen Film mit verschwundenem Kind. Irgendwie ist mir da schon mulmig geworden, was die Zukunft von gemeinsamen Abende angeht.

Heute hat sie mich angerufen, weil sie und unsere Tochter für ein paar Tage bei ihrer Mutter, meiner Schwiegermutter also, auf Besuch sind – ein paar Bundesländer weiter. Und nein, keine blöden Kommentare, ich bin einer der wenigen glücklichen Menschen, die eine supernette Schwiegermutter haben. Ehrlich!

Also, sie hat mich angerufen um mir folgendes zu erzählen: Letzte Nacht hat das Babyfon wieder Stimmen und Babygegacker eingefangen. So gegen drei Uhr früh. Sie hat dann den Rest der Nacht das Licht aufgedreht gelassen.

Irgendwo in einem der Häuser in der Umgebung sendete ein Babyfon – diese verdammten Teile reichen ziemlich weit. Sie mußte ununterbrochen an Baby‘s Room denken. Und sie hat mir gesagt, das sie nicht glaubt, mit mir nochmal einen Horrorfilm schauen zu können, weil sie das zu sehr erschüttert. Der hübsche kleine Stapel, der auf uns wartet, muß von mir alleine abgearbeitet werden.

Somit hat unsere gerade mal 6 Monate alte Tochter, ein entzückendes, problemloses Kind mit viel Geduld, es geschafft, trotz aller Entspanntheit soviel Energie zu rauben, das nichts mehr für Horrorfilme übrig geblieben ist. Na gut, sie hat nichts geschafft. Zumindest diesbezüglich. Sonst lacht sie viel, will ihre ersten Breilöffelchen selbst in den Mund schieben, ist gierig, alles zu erhaschen, was in ihre Reichweite kommt und schimpft, weil sie noch nicht alleine sitzen kann. Tolles Kind.

Aber trotzdem, sie ist Schuld. Sie hat allein durch ihr Sein eines unserer gemeinsamen Vergnügen torpediert (sicher nicht das letzte Mal). Keine gemeinsamen Horrorfilmabende mehr. Wenn wir gemeinsam Filme schauen wollen, dann nichts, was gruseliger ist als Wall-E! Oder die Mumins! Die funktionieren hervorragend. Ich liebe die Mumins (die Puppentrickserie – nicht den Zeichentrickkram!) Aber irgendwie ist ein Muminabend kein Horrorfilmabend. Entzückend, aber ... seufz. Keine Schockfilme. Keine japanischen Geister. So sehr schade.

Ich glaube, den Film mit dem Titel Inside, in dem eine Frau mit aller Gewalt versucht, einer Schwangeren den Fötus aus dem Bauch zu rauben, den muß ich mir allein ansehen. Ein französischer Schockthriller. DVD liegt schon längere Zeit neben dem Fernseher. Die Uncut Fassung. Doppel-Seufz.

Aber: Irgendwann einmal, in ein paar Jahren, vielleicht zwölf Jahren, wird meine Tochter alt genug sein um zu verstehen. Dann werde ich ihr den Text zum lesen geben und sagen: »Siehst du, was wir alles für dich aufgegeben haben?« Sie wird mich anschauen, die Augen verdrehen, wie es genervte Teenager tun, auf sich selbst deuten und sagen: »Siehst du, was ihr dafür bekommen habt?«

Und während ich dann dasitze und Essen von derselben Konsistenz löffle, die ihre Babynahrung jetzt hat, wird sie sich die Filme ansehen, und gelangweilt denken: »Mann, der Alte nervt!« Darauf freue ich mich jetzt schon.

Denn: Irgendwann einmal, in ein paar Jahren, vielleicht zwölf Jahren, wird meine Tochter ihren erste große Teenie-Liebe heimbringen.

Har har har!

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