Chelsea Cain: Furie
Limes HC 2007; ISBN 978-3-8090-2530-6; 384 Seiten; Februar 2007 (OT: Heartsick; 2007)
Also: Zitat vom Klappentext: "...Gretchen Lowell – neben ihr ist Hannibal Lecter ein blutiger Anfänger." Zitat Ende. Ebenfalls sehr zur Zierde des Romans trägt der Marketingspruch – Zitat: "Wer tot sein will, muss leiden ..." Zitat Ende, bei. Sehr witzig das alles und nichtmal so falsch.
Die Hauptfigur ist ein Archie Sheridan, ein traumatisierter, total kaputter Cop, der auch zwei Jahre später nicht darüber hinwegkommt, dass er von der Serienmörderin Gretchen Lowell gefangen gehalten und ziemlich brutal gefoltert wurde. Gretchen sitzt im Gefängnis und der Cop besucht sie regelmässig. Als eine Mordserie an Schulmädchen beginnt, wird Sheridan in den aktiven Dienst zurückgeholt, um ein Sonderkommando zu leiten. Dabei bedient er sich der Hilfe einer Journalistin, ein Schachzug, hinter dem mehr steckt, als man meinen möchte.
Auch wenn Gretchen Hannibal nicht gerade zum Anfänger degradiert (oder doch? Doch! Nein!), sie ist eine Wucht. Unglaublich schön, gerissen und wirklich grausam, so richtig heftig brutal. Die Schulmädchen Morde sind hübsche Scheisse, abstossend wie nicht anders zu erwarten und Archie Sheridan ist ein echt kaputter Held.
Furie ist ein dreckiger Thriller, bei dem sogar der Sex etwas grausiges an sich hat. Überhaupt sind all die sexuellen Andeutungen und Spielereien, mal unverblümter, mal dezenter, leicht schmierig und schuldbehaftet. Interessante Sache. In all dem Schmutz leuchtet Gretchen Lowell umso mehr heraus, eine Art mörderischer feuchter Traum. Das mag eine ordinäre Beschreibung sein, aber der Thriller hat etwas derbes an sich, im positiven Sinn.
Chelsea Cain ist ein wunderbar hässlicher, erregender Thriller gelungen, genau mit der richtigen Dosis Abartigkeit, um das Buch aus der Masse hervorzuheben. Furie macht unangenehm viel Spass beim Lesen. Es besteht die berechtigte Hoffnung, das dieser Roman nicht die letzte Begegnung mit Gretchen und Archie war. Die Übersetzung ist überraschend gut, flott und schnörkellos und hat einige direkt derb poetische Momente vorzuweisen. Zwei Beispiele gefällig?
Seite 102: Zitat: "... Viele von den Schwulen, die immer an den Nacktstrand gingen, sind an Aids gestorben und haben ihre Asche dort verstreuen lassen. ... Die Sonnenbadenden ölen sich ein und legen sich in den Sand, und am Ende haben sie winzige Fragmente von Toten in allen Körperritzen. ..." Zitat Ende.
Seite 223: Zitat: "Das Staatsgefängnis von Orgeon war ein Gelände voller knorpelfarbener Gebäude verschiedener Bauart..." Zitat Ende. Hübsch poetisch, nicht wahr?
Fazit: Ein aufregend schmutziger Thriller. Wer Hannibal Lecter mag, wird mit Gretchen Lowell ins Bett wollen.