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Charles Stross: Glashaus

cover stross glashausCharles Stross: Glashaus

(OT: Glasshouse; 2006) Heyne Tb 01/2008; ISBN 978-3-453-52360-9; ca. 490 Seiten Übersetzung: Usch Kiausch

Das 27. Jahrhundert: Der Kriegsveteran Robin hat aus ihm rätselhaften Gründen sein Gedächtnis löschen lassen. Erinnerungsfetzen und Träume plagen ihn, sonst hat er keine Ahnung, wer er einmal war. Noch während der Rekonvaleszenz entgeht er einem Anschlag auf sein Leben und lässt sich in Folge zur Teilnahme an einem Experiment überreden: Einem wissenschaftlichen Versuch, das rückständige und eingeschränkte Leben des 21. Jahrhunderts nachzustellen, in einem vollkommen von der Aussenwelt abgeschnittenem Habitat. Doch dieser Versuch entpuppt sich als gigantische Verschwörung, der er aufgesessen ist.

Dies ist die Weiterführung des genialen Accelerando. Ich liebe dieses Buch, ich liebe Charles Stross. Er ist der ungeschlagene Meister herrlicher Einstiegssätze. Er ist ein Meister im austüfteln komplizierter, logischer Rätsel und ein Meister darin, auf wissenschaftlicher Basis haarsträubende Konzepte zu erdenken. Seine Handlungsbögen überspringen im Augenzwinken Jahrhunderte, die Realitäten wechseln hin und her wie die Protagonisten ihre Leben austauschen, oder auch mal ihre Körper wechseln und all der Wahnsinn findet Halt in Begriffen und Weiterführungen von Dingen, die aus dem Jetzt stammen.

Stross hat mit Accelerando die Handlung in einem sich stetig steigerndem Tempo immer weiter in die Zukunft gejagt um jetzt im Glashaus einen Katzensprung rückwärts zu machen und anhand des Protagonisten und seiner geistigen Verfassung über die Gegenwart herzuziehen wie ein fröhlich betrunkener Matrose.

Robin, der Erzähler, nimmt an dem auf lückenhaften Daten beruhenden Versuch teil und das gleich einmal unfreiwillig als Frau. Die historischen Lücken und die fehlenden Erinnerungen liefern dem Leser einen Blick auf unsere Gegenwart, der erschaudern lässt. Durch diesen Kniff mit den Wissenslücken bekommt Stross die Möglichkeit, einzelne Elemente unseres gegenwärtigen Alltags aus ihren vertrauten Beziehungen zu nehmen und gesondert zu betrachten.
So führt er dem Leser vor, wie absurd eigentlich unser tägliches Leben ist und von welchen Zwängen und Normen wir beherrscht werden. Ich habe diese Vorführung der äusseren Einflüsse auf den Alltag eigentlich recht beunruhigend gefunden, weil man sich kaum jemals darüber einen Gedanken macht.

Aber Stross wäre nicht er selbst, wenn er die bissige Kritik am Alltag, beträchtlich auch an der Kirche )die er vor dem weiten Bogen der Geschichte der Bedeutungslosigkeit zuordnet) und der Absurdität des Alltäglichen zum Mittelpunkt der Geschichte machen würde.

Nein, all diese Dinge werden dem Leser quasi nebenbei unter die Nase gerieben, denn das Hauptaugenmerk des Autors liegt auf dem, wofür er berühmt ist: Eine vertrackte Geschichte logisch und konsequent zu erzählen ohne dabei das Niveau seines Schreibens ausser Acht zu lassen. Und so simple Fragen zu stellen wie: Wer bin ich, wenn ich nicht weiss, wer ich bin? Was macht mich aus?

Glashaus ist um keinen Deut schlechter als der grossartige Accelerando, der Seite für Seite an Faszination gewonnen und an Tempo zugelegt hat. Eine beeindruckene Leistung bei einem derartig starken Vorgängerroman. Stross gehört sicherlich zu der kleinen Gruppe von Science Fiction Autoren, die mit meisterhaften Werken die Science Fiction aus ihrer Routine befreit und in neue kreative Höhen gebracht haben.

Iain M. Banks, Richard Morgan, Alastair Reynolds, Charles Stross, um einige der wichtigsten zu nennen. Dank ihnen kann man jedem Naserümpfer ein grossartiges Buch entgegenhalten. Charles Stross ist eine literarische Aufforderung, Science Fiction für sich zu entdecken und Unwissende mit diesem Genre bekannt zu machen.

Fazit: absolut empfehlenswert.