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Artikel: Die Beschleunigung der Singularität

Der Artikel erschien ursprünglich in der Zeitschrift "freidenker/in", in der Ausgabe 02/08. Das ist das Fachorgan der österr. Freidenker. Nachdem ich mich schon vor einiger Zeit von den Freidenkern distanziert habe (aber nicht von der ursprünglichen Idee des Freidenkertums) und das copyright für diesen Text bei mir verblieben ist, stelle ich den Artikel unverändert online.

Ich finde meinen damaligen Beitrag nach wie vor recht unterhaltsam. Sicherlich nicht tiefschürfend, aber das war auch nicht die Intention. Ursprünglich sollte es mehrere Texte geben, aber das kam letztendlich nicht zustande.

Gute Unterhaltung!



Die Beschleunigung der Singularität

Aufklärung durch Science Fiction und Fantastik – 1. Teil

Von Alexander Dolezal

Am Tag, an dem der Krieg erklärt wurde, regnete es Telefone aus dem Himmel über Nowyj Petrograd. Scheppernd fielen sie auf das Kopfsteinpflaster. Manche waren durch die Hitze des Wiedereintritts in die Atmosphäre halb geschmolzen, andere klingelten und tickten, während sie in der kalten Luft des frühen Morgens abkühlten. Eine neugierige Taube hüpfte, den Kopf schief gelegt, näher heran, hackte mit dem Schnabel auf das glänzende Gehäuse des Apparats ein und flatterte erschrocken davon, als ein Piepen ertönte. "Hallo? Bist du bereit, uns zu unterhalten?" (1)



Der Brite Charles Stross hat Pharmakologie und Computerwissenschaft studiert und arbeitet heute als Schriftsteller. Er ist einer der im Moment erfolgreichsten und originellsten Autoren von Science Fiction Literatur. Seine Bücher erreichen auf den großen Märkten UK und USA sechsstellige Auflagen – als Hardcover, wohlgemerkt. Der rundliche, kahlköpfige Mann mit dickem, schwarzem Vollbart ist ein Meister darin, höchst komplexe und verschachtelte Handlungsbögen in anspruchsvoller Sprache vor seinem Leser auszubreiten. Seine Romane sind voller Witz, Humor, wissenschaftlicher Querverweise und philosophischer Fragen. Stross ist ein Meister hinterhältig-freundlicher Schilderungen, wie z.B.:

Die Pfarrkirche entpuppt sich als großes Steingebäude in einiger Entfernung von unserem Haus. An einer Seite hat sie einen Turm, der so spitz und achsensymmetrisch wie ein relativistischer Marschflugkörper aussieht (Wenn Kriegsschiffe aus Stein bestehen würden, hinten Löcher hineingebohrt wären und drinnen riesige parabolische Glocken hingen.) (2)

Man liest Stross nicht zuletzt wegen dieser witzigen Details. Das andere ist die faszinierende Schilderung über die Entwicklung der Menschheit in den kommenden Jahrhunderten. In der Duologie Accelerando und Glashaus wird sogar die Virtualisierung des Lebens beschrieben. Um dieses Gedankenexperiment nachvollziehen zu können, bedient sich Stross der technischen Vokabeln der Gegenwart, hilfreich vor allem beim ersten Buch, dessen Titel zugleich ein Programm ist. Er greift auf die Form des Sozialexperimentes zurück, um die Gegenwart in einzelnen Momentaufnahmen vor seinem Leser auszubreiten und die Absurdität und Lächerlichkeit des von Hektik, Gier und menschlicher Selbstüberschätzung geprägten Alltags vor Augen zu führen.

So wie Stross ist ein beträchtlicher Teil jener Autoren, die aus der Wissenschaft kommen und Science Fiction Romane schreiben, als Atheisten erkennbar, die Glauben in jeglicher Form ablehnen. Der Vorteil ihres Genres liegt in den weiten Möglichkeiten des Fabulierens und Experimentierens, da alles unter dem Deckmantel der Fantasterei präsentiert werden kann. Die herausragenden Autoren nutzen diese Möglichkeiten voll aus und bringen ihre Überzeugungen geschickt ein.

Die Ablehnung der fantastischen Literatur ist ein Phänomen vorwiegend des deutschen Sprachraumes, dem es diesbezüglich an Traditionen fehlt. Schuld daran hat zu einem beträchtlichen Teil die Literaturkritik, die - offenbar geschädigt durch die Lektüre von Thomas Mann Romanen - keine Literatur mehr rezipieren kann, die nicht streng in der Realität verwurzelt ist.

Dass Klassiker wie Frankenstein von Mary Shelley, 1984 von George Orwell, Schöne Neue Welt von Aldous Huxley oder Fahrenheit 451 von Ray Bradbury einst zu verpönten Genres gezählt wurden, wird gern vergessen. Die bissige Vorführung der sozialen Inkompetenz ganzer Gesellschaften und der Unzulänglichkeit von Geisteskrücken wie religiösem Glauben in der modernen Fantastik zu entdecken, ist unterhaltsam und lehrreich zugleich. Außerdem hat diese Literaturform aus der Sicht von Freidenkern einen Vorteil: Sie verlangt von einem jüngeren, gebildeten Publikum die kritische Auseinandersetzung mit Glaubensfragen. Dabei erreicht sie weit mehr Leser als jede wissenschaftliche Publikation, jeder Zeitungsartikel oder jede Fernsehsendung. Sie beschäftigt den Leser mit einem „vertrackten“ Thema quasi nebenbei und eben dadurch effektiv.

Owl Goingback, ein Autor mit indianischer Abstammung, der bei uns erst zweimal veröffentlicht wurde, aber schon einen guten Ruf und eine treue Leserschaft hat, bringt seine Überzeugung in eine wirkungsvollere Form als sie ein Vortrag normalerweise findet:

Tatsächlich glaubte sie nicht wirklich an die Hölle oder den Teufel. Sie vermutete, dass beides von religiösen Oberhäuptern in dem Versuch erfunden worden war, den Menschen Angst einzujagen und die Kollekte zu füllen. Wahrscheinlich entsprach der Teufel lediglich dem religiösen Gegenstück der Schreckgespenster; etwas, das man den ungehorsamen Kindern und halb senilen, alten Frauen einredet. (3)

Ein anderer Autor, Christopher Moore, benutzt die Komik und das Lachen, um das absurde Gebäude der Kirche als das vorzuführen, was es ist, als politischen Machtapparat, der nach totalem Einfluss strebt. Dabei ist er klug genug, das Ziel seiner Scherze nicht in einer Form anzugreifen, die ihn als Autor verwundbar machen könnte.

"Immer auch die guten Seiten sehen, Raziel. Und bring’ mir etwas Schokolade mit."

"Schokolade?"

"Ein Erdensnack. Du wirst sie mögen. Satan hat sie erfunden."

"Teufelsfraß?"

"Man kann nicht immer nur Oblaten knabbern, mein Freund." (4)

In seinem Roman Die Bibel nach Biff werden die fehlenden Teile der Evangelien nachgetragen, die, wie der Leser amüsiert feststellt, aus gutem Grund bisher tot geschwiegen wurden. Einer dieser Gründe ist Biff, der Jugendfreund von Jesus. Die Geschichte ist derb-komisch und höchst menschlich.

Ganz anders ist der Zugang von Michael Moorcock in seinem Klassiker I.N.R.I oder die Reise mit der Zeitmaschine. Das Buch war 1969 bei seiner Veröffentlichung ein Skandal. Moorcock schickt seine Hauptfigur Karl Glogauer, eine wandelnde Sammlung aller Neurosen, die Woody Allen jemals verfilmt hat, in die Zeit von Jesus von Nazareth. Der Roman knüpft ein Netz aus Religion, Desorientierung, Selbstbetrug, Missbrauch und sexuellen Neurosen. Er ist durch seine direkte, ungehobelte und ungebremste Abrechnung mit der Kirche bemerkenswert. Die Science Fiction besteht hier nur in der Form eines unbedeutenden McGuffin, der der Vorwand dafür ist, den erzählten Stoff halb als Zeitreise - Utopie halb als scheinbare Rohfassung für einen noch ausständigen Roman zu präsentieren.

Der Unterwasserbiologe Peter Watts hat einen Science Fiction Roman über den Erstkontakt von Mensch und Alien geschrieben und dabei eine faszinierende menschliche Gesellschaft entworfen. Der Inhalt ist wissenschaftlich begründet und dennoch spannend, lebendig und voller Überraschungen wie zum Beispiel einen logisch begründeten Vampirismus. In seinem Roman werden Glaube, Gott und Kirche so weit demontiert, dass die Menschen zu ihren eigenen Göttern werden, die nach ihrem körperlichen Tod in einem Datahavengenannt „Himmel“ – virtuell weiter existieren. Das erklärende Nachwort des Buches umfasst 20 Seiten und verweist auf 133 Quellen fachwissenschaftlicher Literatur.

Das Glossar im Glashaus von Charles Stross besteht aus 10 Seiten, einem Index literarischer Anspielungen und Verweisen, der von Begriffen wie Assembler über Carthesisches Theater und Lute-629 bis zur Zimbardo-Studie und zur Zytolyse reicht. Auch hier Stichworte, die von einem Thema zum nächsten führen, überraschende Verbindungen aufweisen und die Grenzen des eigenen Wissens aufzeigen. Der Leser erweitert dadurch seine Bildung, wird zum Lernen und zur Auseinandersetzung mit der Umwelt in all ihren Formen angeregt.

Science Fiction Literatur und Fantastik tarnen sich oft als Komödie oder Thriller, wobei es in der Regel aber um Ideen geht und einen Blick auf das, was in der Umgangssprache "Die Menschen" genannt wird. Die Sprache steht nicht im Mittelpunkt, sie wird den Erfordernissen des Erzählens unterworfen, ist Mittel zum Zweck und gerät dadurch leicht zum Gegenteil dessen, was Literaturkritik goutiert. Für Freidenker ist jedoch ein Medium interessant, dass kritische Gedanken zu Glauben und Gesellschaft propagiert, die keiner herrschenden Norm entsprechen und deshalb Widerstand hervorrufen: die Science Fiction. Das wussten Autoren wie Stanislav Lem, der Atheist, oder die Brüder Strugatzki, die in ihren Büchern gegen Sowjetkommunismus und Diktatur ungestraft anschrieben. Science Fiction hat das Potential, Hunderttausende Leser dazu zu bringen, ihr Weltbild von den Einflüssen des Glaubens und der Kirchendiktatur zu befreien oder zumindest kritisch zu hinterfragen.

Wie ist es möglich, von Science Fiction nicht begeistert zu sein, wenn man Folgendes liest?

Die Frau sah den Verrückten von der Seite an und zuckte die Achseln. Mit ihrer dicken Zunge leckte sie sich über die Lippen. "Du könntest recht haben. Er hat so was an sich ..."

"Wo ist er?", fragte der Verrückte heiser.

Die Frau legte die Arme unter die großen Brüste und rückte sie unter dem groben braunen Kleid zurecht. Dann rieb sie sich den Bauch und warf dem Verrückten noch einmal einen verstohlenen Blick zu. "Jesus!", rief sie, ohne sich umzudrehen.

Die Gestalt in der Ecke erhob sich.

"Das ist er", sagte die Frau mit einer gewissen Befriedigung. (5)

Die Begegnung mit einem Schwachsinnigen namens Jesus wird für den neurotischen Zeitreisenden von Moorcock eine ebenso fatale wie fatalistisch herbei beschworene Konsequenz haben.

 

(1) Charles Stross, Singularität, Heyne Verlag 02/2005

(2) Charles Stross, Glashaus, Heyne Verlag 01/2008

(3) Owl Goingback, Dunkler als die Nacht, Otherworld Verlag 03/2008

(4) Christopher Moore, Die Bibel nach Biff, Goldmann Verlag 12/2002

(5) Michael Moorcock, I.N.R.I., Piper Verlag 02/2007 (komplette Neuübersetzung)