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[12/2010] Alastair Reynolds: Terminal World

terminal world coverInhalt lt. Buch: Spearpoint, the last human city, is an atmosphere-piercing spire of vast size. Clinging to its skin are the zones, a series of semi-autonomous city-states, each of which enjoys a different - and rigidly enforced - level of technology. Horsetown is pre-industrial; in Neon Heights they have television and electric trains ... . Following an infiltration mission that went tragically wrong, Quillon has been living incognito, working as a pathologist in the district morgue. But when a near-dead angel drops onto his dissecting table, Quillon's world is wrenched apart one more time, for the angel is a winged posthuman from Spearpoint's Celestial Levels - and with the dying body comes bad news. ... If Quillon is to save his life, he must leave his home and journey into the cold and hostile lands beyond Spearpoint's base, starting an exile that will take him further than he could ever have imagined. But there is far more at stake than just Quillon's own survival, for the limiting technologies of the zones are determined not by governments or police, but by the very nature of reality - and reality itself is showing worrying signs of instability ...

 

Alastair Reynolds: Terminal World

Orion HC 2010; ISBN 978-0-575-07718-8; 487 Seiten; Ausstattung: Hardcover, Schutzumschlag mit geprägter Schrift

Space Opera

Für die Verhältnisse von Alastair Reynolds ist die zentrale Handlung geradezu bescheiden: Dieser erste Band einer Trilogie(?) beschränkt sich auf einen Planeten – sonst sind es gleich Galaxien im Zehnerpack – und auf eine Zeitspanne die in Tagen und Wochen messbar ist – anstatt wie sonst in Jahrtausenden und Jahrmillionen.

Was aber nicht bedeuten soll, das dieser Roman nicht dem wunderbaren Größenwahn verfallen ist, der die Bücher von Reynolds so besonders macht. So ist Spearpoint ein Gebilde, das bis in die obersten Schichten der Atmosphäre reicht und von Millionen Menschen bewohnt wird, die ihre Existenz mehr oder weniger auf der Fassade dieses Bauwerks fristen. Im Laufe des Romans begegnen die Protagonisten Dingen und Anblicken, die den Leser in Verzückung versetzen.

Steampunk

Die den Menschen aufgezwungene Lebensform, die sich von Zone zu Zone unterscheidet, Vorindustriell bis hoch-technologisch, bietet wunderbare Möglichkeiten zu Konfrontationen und bizarren Begegnungen, die Reynolds zum großen Vergnügen des Leser auch nutzt.

Angesichts des Umstands, das wir hier den ersten Band haben, nutzt er natürlich nicht alle Möglichkeiten aus, sondern deutet vieles geschickt an, während er seinen Schwerpunkt hier in eine Art Steampunk Zone gelegt hat.

Doppeltes Vergnügen ist es zu sehen, was Reynolds aus der gerade so modischen Strömung des Steampunk macht. Er benutzt sie, rammt sie mit Zeppelinen und diversem typischen Schnickschnack voll und dann verdreht, verbiegt und verkrümmt er den Steampunk zu etwas, das den Protagonisten aufgezwungen wird. Er macht daraus einen mehr oder weniger verhassten Zustand, dem man sich fügen muss, wohl wissend, es gibt besseres, moderneres. Und er macht sich zugleich daran, diesen Steampunk mit Elementen zu konfrontieren, die aus anderen Umfeldern stammen.

Vielleicht könnte man sagen, Steampunk trifft auf Mad Max trifft auf Hardware (aka M.A.R.K.13 – kennt noch irgend jemand diesen hübschen, kleinen, dreckigen Richard Stanley SF Film von 1990, mit Iggy Pop und Lemmy in Nebenrollen?) trifft auf Death Machine (ein entzückender, dreckiger kleiner SF Film von Stephen Norrington, 1994 von Ridley und Tony Scott produziert, mit Brad Dourif – kennt noch jemand diesen Film?).

Post-Apokalypse

Das Grundelement der Geschichte ist definitiv eine Apokalypse, die scheinbar rund fünftausend Jahre zurück geschehen ist und die Welt vollkommen verändert hat. Was und weshalb es geschah, das wird nur in kleinen Hinweisen angedeutet. Man kommt zwar in Versuchung zu erraten, was hier passiert ist, aber wissend, das ist Alastair Reynolds, der Mann der unschlagbar gut darin ist, seine Leser zu verblüffen, lasse ich das Ratespiel lieber bleiben.

Alastair Reynolds geht in seinen anderen Büchern immer wieder an die Grenzen der Vorstellungskraft seiner Leser – für jemanden, der Astronomie und Physik studiert hat, liegen diese Grenzen vermutlich viel weiter nördlich als für ... mich.

In Terminal World verzichtet Reynolds auf diese Grenzwertigkeiten, sondern breitet statt dessen das bunteste und belebteste Panorama aus, das er bisher geschaffen hat – mit Figuren, die sehr gut verständlich sind, getrieben von Motivationen, die man nachvollziehen kann.

Ein weniger guter Erzähler hätte ein Buch von diesen Dimensionen ungespitzt in den Boden gerammt – aber Reynolds versteht sein Handwerk. Er erzählt flüssig, komplex aber verständlich und konstruiert wunderbar verwickelte Geschichten, bei denen man nie den Überblick verliert.

Terminal World bereitet geradezu diebisches Vergnügen.

Mad Max

Das ist generell das Wunderbare an den Büchern dieses Autors: So abgehoben und bizarr und kaum vorstellbar die Dimensionen seiner Handlungen und Schauplätze auch sind, wie viele Jahrtausende auch vergehen, wenn etwas schiefgeht, dann weil eine Kleinigkeit passiert. Etwas menschliches.

Der technische Bombast existiert nicht nur, um den Leser zu beeindrucken, sondern um einerseits eine der zahllosen Möglichkeiten des Fortschritts und der Entwicklung zu schildern, andererseits auch, um zu zeigen, das alles Können und alle Macht nichts nützen, wenn eine menschliche Dummheit dazwischenfunkt.

Waliser, Engländer, Schotten

Alastair Reynolds ist Waliser. Iain M. Banks ist Schotte. Charles Stross ist Engländer, Stephen Baxter ist Engländer. Diese Autoren sind (für mich im Besonderen Reynolds, Stross und Banks, bei Baxter eher die früheren Werke) die Großmeister der epischen Space Opera voll menschlicher Dramen.

Natürlich gibt es auch etliche andere Meister – Peter Watts (hervorragender, wissenschaftlich fundierter Pessimist), Dan Simmons (wenn er SF schreibt), John Scalzi (meisterhaft darin, alles mit fröhlichem Zynismus zu würzen), und etliche andere. Besonders Marcus Michael Thurner mit seinem wunderbaren Turils Reise sei hier noch erwähnt (in meinen Augen die beste Space Opera in deutscher Sprache seit Die Haarteppichknüpfer von Andreas Eschbach).

Aber keiner von ihnen ist so größenwahnsinnig wie Alastair Reynolds.

Kurz gesagt:

  • meisterhaft entworfene Welt

  • wunderbar zu lesen

  • glaubwürdig und nachvollziehbar

Fazit: Falls ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt habe: Saugeil!!! Lesen!!! Wunderbar!!!

Anmerkung: Wie viel von der Faszination in der deutschen Ausgabe übrig bleiben wird (ab 03/2011 bei Heyne), kann ich nicht sagen. Ich habe Reynolds nur auf Englisch gelesen und die Möglichkeiten der englischen Sprache genau so pointiert zu übertragen erscheinen mir eher begrenzt. (Es lohnt sich allemal, ihn in englisch zu lesen, selbst wenn man nicht alles immer genau versteht!)

Wie denkt ihr darüber? Kommentare, Widerspruch, Zustimmung, Anmerkungen?

terminal word cover big

Kommentare

Kommentar: Terminal World

Schon wieder Steampunk. Doch diesmal von Alastair Reynolds. Und das Ergebnis? Leider erschreckend dünn. Das Buch ist langatmig, die Figuren vorhersehbar wie schon lange nicht bei Reynolds und die Story reicht einfach bei weitem nicht an frühere Werke heran. Reynolds Talent zum World-Building (Revelation Space, Redemption Ark, Chasmn City) gewinnt im Steampunkt Kontext einfach nicht an Kontur - es entsteht der Eindruck, dass Reynolds hier durch die Einbeziehung eines mehr oder minder kurzfristigen Trends primär auf den Markt schielt und dabei weniger im Interesse seiner Leser handelt. Zeigte Reynolds bereits in Absolution Gap - im ansonsten großartigen Revelation Space Zyklus - einiges an Schwächen so ist Terminal World hier noch einmal ein deutliches Stück schwächer (und das TROTZ eher vermehrt mittelmäßiger letzter Werke wie Century Rain oder Pushing Ice. Es bleibt zu hoffen, dass Reynolds bald wieder zu seiner alten Stärke zurückfindet, doch bei Werken wie House of Suns und Terminal World ist der Blick in die Zukunft leider doch mehr als getrübt.

Terminal World ...

Hallo (Pilot) Pirx69,

danke für deinen ausführlichen und durchdachten Kommentar. Ich schließe mich dir an, was Century Rain betrifft ... das war ein mühsames Buch, für mich der bisher schwächste Reynolds Roman. Pushing Ice und House of Suns hingegen haben mir wirklich gut gefallen.

Ich habe einfach viel Spaß an dem Eindruck, dass Reynolds sich immer irgendwie in eine Art Chaos zu schreiben scheint, aus dem er nur mit irren Manövern wieder rauskommt. Das ist natürlich Quatsch, aber eine vergnügliche Vorstellung.

Ich mag auch - wie unschwer zu lesen war ;-) Terminal World. Wirklich, ich habe es genossen, auch wenn es einen Hauch von Zielgruppenduft verströmt (der Rekordvertrag, den er letztes Jahr mit seinem Verlag geschlossen hat, mag da eine gewisse Rolle spielen, keine Ahnung). Mir hat gefallen, was er aus diesem Steampunk-Kram gemacht hat - eine Konzession an die augenblickliche Popularität, da bin ich deiner Meinung - weil er ihn irgendwie ad absurdum führt. Das Finale deute ich auch mehr Richtung einer Art Space Opera - hoffentlich.

Wenn du dir zum Vergleich die Virga Romane von Karl Schroeder zu Gemüte führst, hier ist Bd. 2, dann finde ich, ist Reynolds haushoch überlegen. Schroeder ist nett und unterhaltsam, wirklich lieb. Aber Reynolds packt ...wenigstens mich. :-) Ich mag diesen klassichen Space Opera Größenwahn, der aus den Büchern quillt.

LG, Alex