Inhalt lt. Buch: Ein schweres Erdbeben sucht Los Angeles heim. Sobald die Erschütterungen vorbei sind, bricht das eigentliche Chaos in der zerstörten Stadt aus. Clint Banner wird von dem Beben in seinem Büro überrascht. Er will so schnell wie möglich zu seiner Familie, doch auf den Straßen herrscht Anarchie. Gemeinsam mit einer hysterischen Frau und der cleveren, erst dreizehn Jahre alten Em macht er sich auf eine Odyssee durch das von Plünderern heimgesuchte L.A. Und die Zeit drängt: Clints Frau Sheila ist unter den Trümmern ihres Hauses verschüttet und kann sich nicht aus eigener Kraft befreien. Was ihr Nachbar, der psychopathische Stanley, gnadenlos ausnutzt.
Richard Laymon: Das Inferno
(OT: Quake; 1995) Heyne 07/2010; ISBN 978-3-453-67582-7; 639 Seiten; Übersetzung: Stefan Rohmig; Ausstattung: Taschenbuch, geprägter Titel
Höllenritt
Richard Laymon und die Lust am Ekel vor den menschlichen Abgründen. Ein für Laymon Verhältnisse relativ großer Cast muss sich mit den Folgen des Erdbebens auseinander setzen und gerät dabei von einer horrenden Situation in die Nächste. Der Leser folgt drei parallel laufenden Strängen von Handlungen, die alle miteinander durch die Mitglieder einer Familie verbunden sind, an deren Schicksal Laymon die Grausigkeit der Menschen zelebriert.
Trotz des Umfangs hat das Buch von der ersten Seite an ein unerwartet hohes Tempo und zeichnet sich durch eine fein komponierte Katastrophenstimmung aus. Exquisite Momente des Ekels prügeln sich mit überraschend liebevollen Szenen um die Vorherrschaft. Wer die letztendlich der Sieger ist, bleibt bis zum Schluss ungewiss.
Massaker
Plünderungen, zügellose Gewalt, Anarchie, Vergewaltigungen, Mord und Totschlag. Die Katastrophe streift die Tünche der Zivilisation von den Menschen und lässt das Tier in dir frei, das brandschatzende, blutdurstige Ungeheuer.
Laymons wie immer ausgeprägt grausige Schilderungen von Gewalt werden mit geradezu kitschigen Szenen von Zivilcourage und Nächstenliebe konfrontiert. Bei einem weniger kontrollierten Schriftsteller wären derartige Szenen Garant für Lächerlichkeit, aber Laymon weiß ganz genau, was er tut.
Inferno
Er hat schon auf der ersten Seite den Ton des Buches festgelegt, denn wir steigen mit Stanley in den Roman ein, zwanzig Minuten bevor das Beben zuschlägt. Und wir lernen Stanley sehr schnell fürchten. Ganz besonders, da uns die Inhaltsangabe schon auf ihn hinweist. Aber erst die frühe Schilderung von Stanley lässt uns erahnen, wie schlimm es wird – und dann verpasst uns Laymon eine saftige Ohrfeige mit einer vollkommen unerwarteten Szene, die das psychopathische in Stan so richtig zur Geltung bringt.
Die Teile der Geschichte mit Stanley sind ortsgebunden, während Handlungsstrang zwei mit Clint und Strang drei mit Barbara Reisen durch ein Inferno darstellen, in dem eine Menagerie an geisteskranken, ausgeflippten und gewalttätigen Menschen eine Serie blutiger und ekeliger Auftritte abliefert. Das infernalische und die Stärke dieses Buches liegen diesmal darin, dass es keine Mutanten und Monster gibt, sondern nur Menschen. Der Realismus der Szenerie macht hier die Wirkung aus.
Desaster
Wenn man dem Buch irgend einen Vorwurf machen will, nachdem man sich damit etliche Nächte lang vergnügt Stunde um Stunde um die Ohren geschlagen hat, dann den, dass das Ende ziemlich abrupt kommt. Aber darüber zu meckern ist eigentlich nicht angebracht.
Ganz so, als hätte er zu Schluss gehetzt, um das Buch endlich fertig zu bekommen oder die Lust daran verloren, zwängt er das Finale des relativ fetten Schmökers in erstaunlich wenige Seiten. Das wirkt zwar überhastet, aber es passt trotzdem, weil Laymon die Geschichte genau an dem Punkt schließt, an dem es sonst zu viel werden könnte. Noch mehr Folter und Blut braucht das triefende Buch dann doch nicht.
Der Humor ist abgründig, das Tempo hoch, die Stimmung unheimlich und alles zusammen ein beängstigendes Vergnügen. Richard Laymon zu lesen ist jedes Mal ein Erlebnis. Der Gedanke, dass in Los Angeles ein großes Beben schon seit einigen Jahren überfällig ist, verursacht im Licht dieses Buches eindeutig Unbehagen.
Kurz gesagt:
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grausig, blutig
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spannend, unheimlich
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abgründig, monströs
Fazit: großartiger Schrecken von einem Meister
Soweit meine Meinung. Kommentare, Widerspruch, Zustimmung, Anmerkungen, etc. sind jederzeit willkommen.
Kommentare
Also ich fand den Schluß
Also ich fand den Schluß schon arg hingehetzt. Vor allem blendet Laymon ja aus wenn es Stanley an den Kragen geht. Das passt eigentlich nicht wirklich zum Rest, wo er doch die Gewalt immer en detail beschreibt.
Aber auch vom Schluß abgesehen kann ich dem Buch nicht soo viel großartiges abgewinnen wie du ;) siehe auch meine Rezi
Ja, ...
... beim Ende sind wir uns einig - Hi Tharos!
Ich mag Richard Laymon wirklich sehr gern. Wenn ich eines seiner Bücher zur Hand nehme, dann weiß ich, wonach mir gerade ist und was ich von ihm bekomme. Amüsanten, trashigen Splatter mit einer Ladung Psychopathen und viel Sex & Co. Für mich eine runde Sache. :-)
Ich hab mir deine Seite angesehen und mir gefällt deine Art der Analyse. Vielleicht ein wenig zu viele Spoiler (für meinen Geschmack - vor allem bei Martyrs), aber ausführlich und durchdacht. :-)
Alles Gute, Alex
Danke ;) Manchmal geht es
Danke ;)
Manchmal geht es nicht so gut ohne Spoiler - wobei ich jetzt nicht denke, dass ich bei Martyrs wirklich zu viel verraten habe (wobei ich mich bei dem Film eh etwas schwer getan hab).
Ich find dein Blog auch ziemlich gut, deine Auswahl ist mal noch um einiges "kränker" als meine ;)