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[06/2011] William Gibson: Systemneustart

Cover Systemneustart GibsonInhalt lt. Buch: Hollis Henry bekommt einen neuen Auftrag. Gemeinsam mit dem ehemaligen Junkie Milgrim soll sie ein Underground-Label ausspionieren. Dabei geht es um viel mehr als einzigartig geschnittene Hosen im Military-Look: Für eine Ausschreibung der amerikanischen Armee soll auch ein Konkurrent ausgeschaltet werden. Trauen können sie niemandem - schon gar nicht ihrem eigenen Auftraggeber.

 

William Gibson: Systemneustart

(OT: zero history; 2010) Klett Cotta (Tropen); ISBN: 978-3-608-50113-1; 491 Seiten; Übersetzung: H.S.R.; Ausstattung: Hardcover, Schutzumschlag; Buchseite: Klett Cotta; Autor: William Gibson

»Gibson lesen heißt, unsere Gegenwart als bereits eingetretene Zukunft zu begreifen.« So lautet ein Zitat der New York Times auf dem Cover des Buches.

Für mich würde ich diesen Satz wie folgt umdefinieren: »Gibson lesen heißt zu verstehen, wie wenig Ahnung man von der Gegenwart hat.«

Mustererkennung

Der finale Band einer Trilogie (Bigend Trilogy) aus voneinander unabhängig lesbaren Romane, die beginnend mit Mustererkennung über Quellcode bis Systemneustart führt. Und ein wunderbares, lesenswertes Buch. Wieder einmal hat es Gibson geschafft eine Geschichte aus der Gegenwart zu erzählen, die schon fast utopisch anmutet.

Quellcode

Eine der faszinierende Eigenheiten von Gibson ist es, das Buch mit skurrilen Nebensächlichkeiten und höchst eigenwilligen Beschreibungen vollzustopfen, ohne es auch nur im Ansatz zu überladen – soll heißen, der Informationsgehalt ist beträchtlich. Vom Pibloktoq-Bett bis zur Legierung der Metallspitzen von Dart Pfeilen lernt man in jedem Kapitel des Buches etwas Neues.

Gelegentlich, wie im Fall des Betts, erschließt sich der Zusammenhang alles andere als einfach. Aber das ist eben William Gibson – ein Buch das dazu einlädt, Stunden damit zu verbringen herauszufinden, wovon man keine Ahnung hat.

»Pep sah aus, als hätte jemand aus Gerard Depardieu eine Apfelpuppe gemacht, indem er den Apfel in gesalzenem Zitronensaft getränkt und dann gebacken hatte, um ihn schließlich an einem kühlen, dunklen Ort hart werden zu lassen, in der Hoffnung, er würde nicht schimmeln.« Zitat Ende (Seite 377)

Solch auf der Zunge zergehende Köstlichkeiten finden sich bei Gibson laufend. Dabei sind diese Eigenwilligkeiten nicht aufgesetzt, sondern einfach die Beschreibung der Welt durch die Augen von William Gibson. Faszinierend zu lesen, sehr oft witzig, aber durchaus fordernd. Einfach so zwischendurch liest man diesen Autor nicht.

Systemneustart

Gibson verlangt Konzentration und belohnt reichlich dafür. Die Handlung ist niemals so simpel, wie es zu sein scheint – das macht es schwer, sie annähernd wiederzugeben. Er verschachtelt Handlungsstränge, seine Protagonisten lösen ständig Richtungswechsel aus und er hält dem Leser lächelnd seine(n) merkwürdigen MacGuffin unter die Nase – das Militär als Designerstube?

Gibson erhöht seine Romane zu bitterbösen Satiren, indem er den Wahn der Marken und Logos, die Jagd nach der nächsten Sensation und das Design an sich für seine Protagonisten, allen voran Bigend, der die Menschen in seiner Umgebung in diesen Wahn mitreißt, zu einem bedeutenden Faktor des Lebens macht.

Doch schon ein Kapitel später sehen wir die Welt wieder durch die Augen von Milgram, den paranoiden Ex-Junkie, der ununterbrochen um Selbstkontrolle kämpft. Mit ihm führt Gibson diesen vorgeblich bedeutsamen Faktor als Absurdität und Lächerlichkeit vor.

Auch über seine Heldin Hollis, die ehemalige Rocksängerin, betreibt Gibson Aufbau und Demontage von Kult, Trends und Celebrity-Wahn. Immer verständlich, immer nachvollziehbar und logisch, stets gewürzt im höchst eigenen William-Gibson-Stil (Auch wenn die Übersetzung mit aufgesetzt wirkenden Begriffen wie »alldieweil« gelegentlich übertreibt).

Neuromancer

Es macht Spaß, Figuren aus den vorigen Büchern wieder zu begegnen. Es ist egal, wenn man sich nicht mehr genau erinnern kann, Quellcode ist immerhin schon 2008 auf Deutsch erschienen. Die wirkliche Faszination liegt in der nur schwer zu findenden Grenze zwischen jenen Dingen, die real sind und jenen, mit denen der Autor seinem Leser einen Bären aufbindet.

Er benutzt sogar seine Figuren, um den Leser in Unglauben zu stürzen – Garreth ist ein so ein Ablenkungsmanöver, mit dessen Hilfe die Grenzen zwischen Realität und Unfug verwischt werden. Es hilft, wenigstens in Grundzügen von verschiedenen Auswüchsen in Sachen Popkultur und Verschwörungstheorien gehört zu haben.

Biochips

Am Schluss des Buches – eigentlich am Ende aller drei »Bigend« Romane bleibt immer das leicht atemberaubende Gefühl, einen Blick hinter die Kulissen der Welt geworfen zu haben, zumindest in Ansätzen gesehen zu haben, wie manche Dinge funktionieren, die man im Alltag nur als mediales Phänomen wahrnimmt. Ob das so stimmt oder nicht, ist schwer zu sagen.

Aber im Kleinen kann man sich von der Richtigkeit der Gibson'schen (?) Weltsicht überzeugen – es hilft, hin und wieder mal alternative Berichte und Artikel zu Geschehnissen zu lesen – Telepolis würde sich da anbieten. Das erhöht den Faktor »Realbezug« ganz beträchtlich.

Für mich ist Systemneustart ein utopisch anmutender Bildungsthriller.

Mona Lisa Overdrive

Mit Systemneustart ist die in den Augen dieses Rezensenten beste Romanserie zu einem tollen Abschluss gekommen, die Gibson seit seiner Sprawl Trilogie: Neuromancer, Biochips, Mona Lisa Overdrive verfasst hat.

Mit dem Eröffnungssatz des ersten Romans Neuromancer schließt sich in mehrfacher Hinsicht ein Bogen zu Systemneustart – Zitat: Der Himmel über dem Hafen hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal geschaltet war. Zitat Ende. (William Gibson: Neuromancer)

Kurz gesagt:

  • faszinierende und rätselhaft

  • anspruchsvoll und spannend

  • hochgradig in den Bann ziehend

Fazit: ein wunderschöner, originell erzählter »Bildungsthriller«

Cover Systemneustart Gibson