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[03/2011] Matthew Delaney: Golem

Delaney Golem CoverInhalt lt. Buch: Thomas Roosevelt lebt in einer scheinbar perfekten Welt. Sein Vater, ein genialer Genforscher, hat alle Krankheiten besiegt - niemand muss mehr an Krebs oder AIDS sterben. Der Handel mit den Medikamenten hat ihn reich gemacht; seine Firma Genico ist ein globales Imperium. Doch nur die Reichen können sich die Medikamente leisten. Die Armen sterben. Zudem haben die Genexperimente eine Rasse von künstlichen Menschen hervorgebracht - moderne Sklaven, die keine Rechte haben. Jeder darf sie töten. Nach dem Tod seines Vaters soll Thomas das Erbe antreten. Er ist nun der mächtigste Mann der Welt und könnte alles ändern. Doch er hat einen mächtigen Feind: seinen eigenen Bruder, der ihm die Macht neidet. Als ein Wissenschaftler von Genico ermordet wird, schiebt er Thomas die Tat in die Schuhe. Die Polizei und die Medien eröffnen eine kaltblütige Jagt auf ihn. Sie nehmen ihm sein Vermögen, seine Frau, sein ganzes Leben. Thomas macht sich auf die Suche nach der Wahrheit, doch was er findet, stellt seine gesamte Existenz infrage: Er soll gar kein Mensch sein.

Matthew Delaney: Golem

(OT: Genome, Inc.; 2010) Lübbe 2010; ISBN: 978-3-7857-6037-6; 557 Seiten; Übersetzung: Rainer Schumacher; Ausstattung: Trade Paperback; Klappbroschur, geprägter Umschlag

Dystopie

Wer sich nach dem äußerst guten Erstlingswerk Dämon schon anhand von Titel und schickem Umschlag einen ähnlichen Horrorthriller erwartet, wird eine Überraschung erleben: Golem ist ein rasanter Science Fiction Roman, eine Dystopie. Zwar ist der deutsche Titel inhaltlich korrekt, dennoch irritierend – der originale Titel mit dem Begriff Genome ist in diesem Fall passender, weil er in Richtung Zukunft lenkt, während der Begriff Golem den reifen Duft des Gestern mit sich trägt.

Delaney kennt die Themen, er weiß, welches Unbehagen Genetik im allgemeinen verursacht und welche Stimmung sein Buch braucht, um die volle Wirkung entfalten zu können. Thomas Roosevelt, sein Held, fällt tief und wird Schlag für Schlag einer Gemeinheit nach der anderen ausgesetzt, ehe er es schafft, auch nur im Ansatz in Abwehrhaltung zu gehen. Mit einem Wort – das Buch ist randvoll mit Action ohne Ende, Langeweile kommt kein einziges Mal auf.

Delaney ist offensichtlich ein großer Fan von Regisseur Ridley Scott und er scheint auch Regisseur Wes Craven sehr zu schätzen. Anders ist sein Optimismus nicht zu erklären, dass man Jahrzehnte in der Zukunft immer noch weiß, wie die Erklärung "wie in einem Wes Craven Film" zu verstehen ist.

(Ich bin da weniger zuversichtlich. Ich mag zwar Wes Craven auch – besser, mochte ihn. Aber sein filmisches Vermächtnis wird sich vermutlich eher darauf beschränken, als Erfinder von Freddy Krueger und vielleicht als Regisser von Scream in Erinnerung zu bleiben.)

Blade Runner

Aber Wes Craven spielt für diesen Roman eine nur untergeordnete Rolle. Weit bedeutender ist Ridley Scott. Aus dessen Meisterwerk Blade Runner hat sich Delaney die Stimmung geliehen – unübersehbar und deutlich. Er weist sogar im Laufe des Buches selbst einmal darauf hin. Auch die Golem – im Buch werden sie Transkriptoren genannt, stammen von der Gestaltung her aus dem Film und könnten eigentlich auch gleich Replikanten heißen. Einige kurze Szenen im Buch sind kaum verhüllte Variationen von Dingen, die Roy Batty getan hat.

Gladiator

Der zweite Bezug zu Ridley Scott ist folgender: Die Geschichte von Thomas Roosevelt selbst ist nichts anderes als die Handlung von Gladiator, einfach in die Zukunft verfrachtet. Tod des Vaters, Rivalität der Beinahe-Brüder, Verrat, Verletzung, Gefangenschaft, Training zum Gladiator – ach was, Gladiator ist ein moderner Klassiker, den die meisten Leute ohnehin kennen. Verblüffend sind in manchen Belangen die Details, in denen sich Delaney an den Film gehalten hat.

Gut, er hat auch noch einen Graf von Monte Christo Stunt eingebaut – auf den er selbst hinweist und ein paar vereinzelte Kleinigkeiten kommen noch dazu. Aber im Grunde ist Golem die Verschmelzung von zwei der populärsten Ridley Scott Filmen. Faszinierend … ähm, Tschuldigung.

Wenn man kopiert, dann von den Besten. So gesehen hat Delaney ganze Arbeit geleistet und ein Buch geschrieben, das beste Unterhaltung bieten könnte. Leider hat er über seine Begeisterung für Ridley Scott geschlampt. Manche Szenen wirken wie Entwürfe für das, was eigentlich hier stehen sollte. Beim Lesen fehlt immer wieder das Gefühl dafür, wie viel Zeit eigentlich vergeht – Wochen, Monate, Jahre? Und das die handelnden Personen allesamt nur aus Kombinationen unterschiedlicher Klischees bestehen, macht die Sache auch nicht wirklich besser.

Im Vergleich zu Dämon ist Golem eine Enttäuschung. Es ist kein grundsätzlich schlechtes Buch, aber Delaney verschenkt die Thematik und hält sich viel zu strikt an die Filme von Ridley Scott, um mit diesem Roman etwas Eigenständiges zu schaffen. Selbst das wäre absolut in Ordnung, wenn Delaney etwas mehr Acht gegeben hätte. Ärgerlich, weil man zwischen den Zeilen erkennen kann, was daraus mit etwas mehr Sorgfalt hätte werden können.

Kurz gesagt:

  • Science Fiction Thriller

  • Von Ridley Scott Filmen beeinflusst

  • schwach umgesetzt

Fazit: viel verschenktes Potential, schade.