Inhalt lt. Cover (Auszug): ... Ein Autounfall traumatisiert die schwangere Sarah und macht sie zur jungen Witwe. Als sie, kurz vor der Niederkunft, Weihnachten im einsamen Appartment verbringt, greift aus dem Nichts eine unbekannte Psychopathin an und metzelt alles nieder, was bluten kann. Frankreichs fleischfressende Sexpflanze Beatrice Dalle gibt der Schlächterin mit Scherenfaible den Liebreiz einer schwarzen Witwe: Sie hat es auf Sarahs ungeborenes Kind abgesehen. Ein intensives Terror-Duell ist die Filge in einem der härtesten Splatter-Happen dieser Dekade ... und wenn mir noch irgendwer bitte erklären könnte, wieso Beatrice Dalle eine fleischfressende Sexpflanze ist ...???
Inside
(OT: À l'intérieur) Fr 2007; 1.85:1; ca. 79min uncut; R+B: Alexandre Bustillo, Julien Maury; D: Beatrice Dalle, Alysson Paradis Bonus: Audiokommentar Label: Senator Film Austria / NSM Records
Davor für Danach
In ihrem Audiokommentar erzählen die beiden Filmemacher sehr ausfühlich über ihren Filmerstling. Dabei entpuppen sie sich als extrem bewandert in Sachen Horrorfilm. Ihre Hinweise, in welcher Szene ihres Werkes sich welche Form von Reverenz auf welchen Film befindet, lassen staunen. Quer durch die Filmgeschichte zitieren sie. Vor allem sind es zum beträchtlichen Teil nur winzige Momente, die man im Normalfall gar nicht mitbekommt.
Wenn man in einer nur wenige Sekunden langen Einstellung Beatrice Dalle als Schattenumriß an einem Wäschestück riechen sieht, dann verweisen die beiden sofort darauf, dass Körperhaltung und Art der Aufnahme auf einen ähnlichen Augenblick in Jeepers Creepers hindeuten.
So geht das mehr oder weniger ununterbrochen. Sie weisen auch auf kleine Schnitzer hin, die ihnen unterlaufen sind. Im Grunde präsentieren sie sich als versierte Fans, freundlich und offen. Das ist sehr sympathisch. Zum Glück.
Gallisches Gekröse
Inside ist einer der härtesten Splatterfilme, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Der Film ist ein grandioses, jedoch nur sehr schwer verdauliches Zusammenspiel aus Psychoterror und Momenten ausgeprägter körperlicher Gewalt. Der Wahnsinn des Films wiegt doppelt schwer, weil die Brutalität gegen eine Schwangere gerichtet ist. All die anderen Personen, die zu Schaden kommen, dürfen unter dem Begriff Kollateralschaden abgehakt werden. Sie sind einfach nur im Weg und werden beseitigt.
Blutfontänen im Herzrhytmus, Verstümmelungen, durch einen Schuß weggesprengte Schädeldecken, nach und nach triefen die Wände in diesem Haus vor Blut. Die Verstümmelungen mitanzusehen, in extremen Großaufnahmen, begleitet von den hyperrealistischen Geräuschen, das setzt richtig zu. Dazu kommt noch, das beinahe der gesamte Film auf einen Schauplatz konzentriert ist, das Haus. Nach und nach wird es auch noch klaustrophobisch, jeder Schatten bereitet Unbehagen, jedes Geräusch lässt zucken. Hut ab, das ist meisterhaft gemacht.
Ganz fies sind auch die kurzen Zwischenschnitte zum Ungeborenen. (Das ist jetzt kein Spoiler, weil schon die ersten Sekunden des Films eine Inside Szene enthalten. Diese Augenblicke im Mutterleib sind ein Puzzleteil des Titels, dessen Interieur nicht nur das Haus meint, in dem die Geschichte abgeht.
Waffenkammer Eigenheim
Der extreme Realismus des Films beruht zum einen auf den Verzicht von typischer Horrorilm-Musik. Die Gewaltakte werden in beinahe pornographischer Explizität vorgeführt. Die dabei zur Anwendung kommende Brutalität ist ... Wahnsinn. Das schmatzende, schneidende Geräusch der Schere im Fleisch, wieder und wieder und wieder, während die Schlächterin ihrer Arbeit nachgeht, das Gurgeln und Plätschern vom Blut. Ufff...
Ich bin mir echt nicht sicher, wann ich das letzte Mal eine Schere als Hauptdarsteller gesehen habe. Die Schlächterin benutzt sie beinahe den ganzen Film hindurch, mit tierischer Brutalität, mit beinahe gleichgültiger Beiläufigkeit mit vollem Körpereinsatz. Wahnsinn! Die Stricknadel wird daneben direkt degradiert, der Baseballschläger hat einen kurzen, aber furchtbaren Auftritt und etliche andere Alltagsgegenstände werden ebenfalls drastisch zweckentfremdet. Die einzige Waffe, die nicht Alltag ist, eine Pistole, die wird von außen in die Szene gebracht.
Fleischfressende Sexpflanze mit Gefährten
Beatrice Dalle, die fleischfressende Sexpflanze (hä???) spielt die Frau, die gekonnt die Schere benutzt, mit einer Intensität und Hingabe, dass einem Angst und Bange werden kann. Der Wechsel zwischen Ruhe und Raserei ist ... beängstigend. Der Blick brennt sich in ihr Gegenüber. Sie braucht gar nicht viele Wort, was sie zu sagen hat, teilt sie mittels Mimik und Blicken, durch wütendes Kreischen und Toben mit.
Alysson Paradis schlägt sich im Vergleich dazu sehr wacker. Auch sie nutzt die Mittel der nonverbalen Kommunikation, um sich verständlich zu machen. Und sie hat ein großes Handikap meisterhaft im Griff: Den riesigen Bauch einer Schwangeren am Abend vor der Geburt. Sie agiert durch Bewegung und kleine Gesten wie das unbewußte Streicheln des Babybauchs überaus glaubwürdig.
Auch die wenigen anderen Darsteller, die sich in das Haus verirren, machen ihre Sache sehr gut. Jeder Darsteller überzeugt in seiner Rolle und das ist wahrscheinlich ebenfalls ein Grund für die Härte des Films. Man findet beim zusehen keine Ablenkung in der Konzentration auf die Dinge, die da passieren. Kein Schauspieler stört durch einen Patzer, kein Effekt ist danebengegangen und schaut Scheiße aus. Nichts.
Schönheit des Schreckens
Die Regisseure haben einen optisch hervorragend gestalteten Film geschaffen. Sie lieben ganz offenbar Beatrice Dalle, sie ist als Furie grandios in Szene gesetzt. Die Kamera liebt Beatrice Dalle, umschmeichelt sie. Das Spiel von Licht und Schatten in den Innenräumen, die Kontraste, alles steckt voller hübscher Details und Momente. Neben den Schauspielern wirkt vor allem genau diese Inszenierung so starkt. Sie ist trotz der Details in manchen Belangen relativ zurückhaltend und verläßt sich auf das Zusammenspiel von Darstellern, Kamera, Licht und Schatten, sowie der enervierenden Tonspur.
Alles in allem ist Inside ein grandioser Film, der von der ersten Minute an die Nerven des Zusehers strapaziert bis der Nachspann anfängt. Vorher gibt es keine Verschnaufpause. Also, als Gute-Laune Partyfilm kann man Inside sicherlich nicht bezeichnen. Er ist ein Horrortrip der ersten Klasse.
Kurz gesagt:
- extrem blutig
- extrem intensiv
- extrem Dalle
Fazit: absolut und keinesfalls für Leute mit schwachen Nerven. Böses kleines Meisterwerk.
Soweit meine Meinung. Kommentare, Widerspruch, Zustimmung, Anmerkungen, etc. sind jederzeit willkommen.