Peter Hiess ist einer der beiden kreativen Köpfe - der andere ist Robert Draxler - hinter dem in Wien ansässigen Evolver-Books, der sich auf qualitativ hochwertige Trashliteratur spezialisiert hat. Hiess hat als Autor mit Günter Brödl Krimis geschrieben (Kurt Ostbahn; Trainer und Trash) , als Herausgeber Kriminalgeschichte gesammelt (Jahrhundert-Morde; Mord-Express), er hat am Evolver mitgebastelt, ist als Journalist, Redakteur, Chefredakteur beim Wiener u.a. tätig und ... Verleger. Der Profi war so freundlich, einem Amateur ein paar Fragen zu beantworten. Und wer sich auch noch ein Bild des Verlegers machen will - Google hat ein paar davon vorrätig, sogar ein YouTube Video gibt es. Hurra.
Eine Übersichtsseite der Evolver-Books Kunstwerke und die Möglichkeit des käuflichen Erwerbs gibt es -> hier, und -> hier ist ein nettes .pdf mit dem Programm. Links zu meinen Rezensionen gibt es ganz unten. Viel Vergnügen!
Mit welchen Erwartungen/Hoffnungen gehst du in das Jahr 2012?
Ich nehme jetzt einmal an, daß sich all diese Fragen nicht an den Privatmenschen Peter Hiess, sondern an den Verleger richten (weil privat könnte ich eh nur sagen: Ein, zwei Wochen Urlaub vielleicht? Ein bißchen weniger Minus auf dem Konto? Und vielleicht hört diese depperte Verkühlung bitte endlich einmal auf …).
Als Verleger aber erwarte ich viel Arbeit, weil wir einige neue Produktionen am Start haben; treue Fans und Leser, die dankenswerterweise unsere Bücher kaufen; gute Rezensionen; eventuell einmal die Aufmerksamkeit des Feuilletons – ohne depperte „Ironie“, sondern vernünftig; interessante Manuskripte und Projekte; und dann noch einmal viel Arbeit für Büro, Verwaltung, Steuer usw. usf.
Hoffen tu ich auf den Bestseller, sowieso. Und daß die Menschen endlich draufkommen, welch unglaublichen Dreck die großen Verlage produzieren – und daß bei den kleinen Verlagen oft viel Interessanteres erscheint. Aber dazu müßten sie einmal den Fernseher abdrehen und die Zeitungen in den Müll hauen …
Außerdem hoffe ich auf eine gedeihliche Zusammenarbeit thematisch verwandter österreichischer Kleinverlage; an so einem Projekt arbeite ich gerade, aber noch ist nix spruchreif.
Also, jetzt nur mehr als Verleger: Über die Buchverkäufe rede ich nicht, damit sind wir ganz zufrieden, aber sie könnten natürlich immer noch besser sein. Als größten Erfolg werte ich, daß EVOLVER BOOKS sich aus dem Verein EVOLVER – und damit weitgehend von der Netzzeitschrift, die uns irgendwann „hervorgebracht“ hat – gelöst hat und eine eigene Firma gegründet hat, mit allem Drum und Dran; und in Österreich ist das gar nicht so einfach, sondern bringt eine Menge Arbeit, Wege und Kosten mit sich. Außerdem haben wir eine deutsche Auslieferung und einen Vertrieb gefunden. Und eine Menge Lesungen/Auftritte erfolgreich absolviert.
Dein größter Flop 2011?
Der Auftritt des „Zombie-Teams“ von EVOLVER BOOKS bei einem Manga/Anime-Con in Linz, irgendwann im Sommer. Mit genau einem Zuhörer (abgesehen von den anderen Vortragenden, die aus Höflichkeit dageblieben sind). Sagenhaft schlecht organisierte Veranstaltung, verschwendete Zeit.
Gibt es bei einem so relativ kleinen Programm ein Lieblingsbuch – oder sind da alle Lieblinge?
Ja, natürlich habe ich sie alle gern – sonst würde ich sie nicht machen, unsere Bücher. Und natürlich gibt es aus ganz egoistischen Gründen ein Lieblingsbuch, weil ich da Mitherausgeber bin; nämlich unsere Zombie-Kurzgeschichten-Anthologie „Das Buch der lebenden Toten“, die ich von der Auswahl und den vertretenen Stories her wirklich gelungen finde, ganz zu schweigen von den sagenhaft guten Illustrationen und dem genialen Cover von Jörg Vogeltanz. Meine gar nicht sehr
geheime Liebe gilt auch der SF-Parodien-Sammlung „Scott Bradley. Blondinen, Blobs & Blaster-Schüsse“ von Andreas Winterer, die jedes Genreklischee liebevoll aufs Korn nimmt, einen großartigen Humor hat und beim Lesen laute Lacher erzeugt. Nur scheinen sich hier alle Regeln zu bestätigen, die bei Verlegern so herumerzählt werden: Keine Science Fiction. Keine Kurzgeschichten. Und vor allem: keine Science-Fiction-Kurzgeschichten. Und schon gar keine Parodien. Schrecklich, daß diese Banalitäten wirklich wahr sind und nicht einmal die SF-Fans und -Clubmitglieder sich für das Buch interessieren. Die wissen gar nicht, was sie versäumen.
Andererseits: Wenn wir uns an Regeln und Branchengesetze hielten, hätten wir überhaupt nie mit einem Verlag für gedruckte Bücher anfangen dürfen.
Wie geht es dem jungen Verlag – entspricht die Entwicklung den Erwartungen?
Am Anfang erwartet man sich gar nichts, günstigerweise. Und insgeheim doch immer alles – Mörderverkaufszahlen, medialen Erfolg, einen neuen Lebensunterhalt –, weil man ja sowieso nur als Träumer an ein solches Projekt herangehen kann. Insofern kann die Realität den Erwartungen nie entsprechen, so oder so. Aber immerhin: Wir verkaufen unsere Bücher in den Stückzahlen, die man von einem Kleinverlag erwarten darf (und wie man hört, in größeren Mengen, als viele „wertvolle“ Bücher von größeren Firmen über den Ladentisch gehen); wir haben keine Schulden und wollen auch keine machen; wir wurschteln uns durch; wir kämpfen um jeden Leser; und wir lernen dauernd wahnsinnig viel dazu.
Was hat sich bisher als größte Schwierigkeit entpuppt?
Neben ein paar Hauptberufen (aber dazu später mehr) auch noch genügend Energie für den Verlag zu finden. Die nahezu undurchdringliche Barriere der Mainstream-Medien und der gepflegten Literaturkritik zu durchbrechen. Die Journaille, auch die gehobene Kulturjournaille, will eben immer nur das, was sie schon kennt, am liebsten Holocaust-Erinnerungskultur, Migrantenkitsch, Sexworker-Biographien und supersensible Innenbeschauliteratur – also genau das, was wir nicht wollen und sind. Ich kenne das von der anderen, der journalistischen Seite, wo man als einziger oder einer von wenigen allein auf weiter Flur gegen eine Flut von systemkonformem, gutmenschenliberalen, denkfaulen Schwachsinn anschreibt. Aber solche Probleme sind dazu da, um überwunden oder zumindest ignoriert zu werden.
Läßt der Verleger Hiess dem Privatmann Hiess noch genügend Zeit für sich?
Der Privatmann Hiess? Wo haben Sie denn das gehört? Es gibt den Journalisten Hiess, den Übersetzer Hiess, den Lektor Hiess, den Autor und Kolumnisten Hiess, den Verleger Hiess, den Dr. Trash, den Pater Michael Hass, ein paar andere erfundene Gestalten, einen Haufen interessante Projekte und einen viel größeren Haufen absoluten Schwachsinn, den man des schnöden Mammons wegen abarbeiten muß, um seine paar tausend Euro Minus auf dem Konto abzuzahlen … da bleibt für ein Privatleben notorisch wenig Zeit. Leider. Andererseits halte ich den Begriff des „Privatlebens“ ohnehin für eine Erfindung des schwachsinnigen, halbgebildeten Kleinbürgertums … (driftet in eine wütende Ansprache gegen Kleinfamilien, Fortpflanzer im allgemeinen, Standard- und Falter-Leser, FM4, den ORF überhaupt und alles andere Schlechte auf dieser Welt ab, die wir aus Platz- und Anstandsgründen hier nicht wiedergeben können)
Das E-Book – ein Thema für EVOLVER BOOKS? Vielleicht eine Chance, eher eine Bedrohung?
Ja, logisch sind E-Books ein Thema für uns. Man kann dieser Sache als Verlag heute nicht mehr ausweichen, ob man nun dafür ist oder dagegen. Ich selber lese E-Books zwar wesentlich weniger gern als gedruckte Bücher, aber das ist eine Gewöhnungs- und Generationenfrage. Wir werden heuer, noch in der ersten Jahreshälfte, jedenfalls noch eine – hoffentlich vernünftige – E-Book-Strategie ausarbeiten, dann einmal einen „Versuchsballon“ veröffentlichen und früher oder später wahrscheinlich alle unsere Titel auch elektronisch anbieten. Trotzdem halte ich die heute so weitverbreitete Vorstellung, E-Books wären eine sichere Erfolgsgarantie, für ziemlich überzogen. Schließlich werfen heute schon jeder Depp und seine Tante ein E-Book auf den Internet-Markt; und was sich da an unlektoriertem, unprofessionell produziertem Müll findet, macht das Angebot recht unübersichtlich und es dem Leser schwer, die wenigen Schätze darin zu entdecken. Aber es ist spannend, es muß sein, wir leben ja anscheinend alle schon in der Cloud („Laß mi in Cloud“, möchte man da in Abwandlung eines ostösterreichischen Spruchs sagen) – also machen wir’s, ja. So wie tausend andere Sachen.
Ist Kay Blanchard sexy?
Sowieso. Obwohl ich nicht auf Lack und Leder und ähnliche Vergnügungen gelangweilter Beamten und Grufties stehe – aber im Sinne von Emma Peel und Modesty Blaise ist sie sogar supersexy. Mir wäre sie ein bissl zu offensiv, was den Umgang mit Geschlechtspartnern betrifft, aber sie ist ja auch eine Erfindung des Autors r.evolver, und der muß wissen, was er tut. Mit ihren Drogengewohnheiten hingegen kann ich sehr viel anfangen. Say no more.
Ach ja, noch was: Für mich als Österreicher wäre sie aufregender, wenn sie statt „Möse“ und „ficken“ eventuell „Fut“ und „pudern“ sagen tät. Aber das sind private Präferenzen, die einer international agierenden Geheimagentin sowas von wurscht sein können …
Wie denkst du über das Self-Publishing von Autoren – ist das eine Bedrohung für spezialisierte Verlage wie EVOLVER BOOKS? Oder ist „eh genug für alle da“?
Prinzipiell bin ich überzeugt davon, daß genug für alle da ist – man sehe sich nur das Potential an deutschsprachigen Lesern an. Daß man von denen einen Großteil wieder oder zum ersten Mal zum Lesen bringen muß, ist eine andere Geschichte …
Aber egal – ich sehe jedenfalls weder andere Kleinverlage noch den selbstveröffentlichenden Autor als Konkurrenz, weil jeder Verlag die Chance hat, sich seine eigene Nische zu schaffen und seine eigene Leserschaft heranzuziehen. Viele Autoren, vor allem solche, die noch keinen „Namen“ haben, werden nach ersten Versuchen mit Self-Publishing aber wahrscheinlich zur Erkenntnis kommen, daß es sich doch auszahlt, bei einem Verlag mit etablierter Vertriebsstruktur und einigen Pressekontakten zu erscheinen. Und daß ein Buch auf alle Fälle bessere Chancen hat, wahrgenommen zu werden, wenn es lektoriert und korrigiert ist sowie ein attraktives Cover hat.
Das SUPER PULP-Heft* ist absehbar. Kann EVOLVER BOOKS das „Schundheftl“ wiederbeleben?*
„Absehbar“ ist gut – die erste Ausgabe ist eh schon vor einem Dreivierteljahr erschienen. Aber wir wollen in ein paar Wochen das zweite Heft auf den Markt bringen, wieder mit drei gelungenen Stories, einem „Super Science“-Pulp-Wissenschaftsbeitrag und am liebsten Werbung für Röntgenbrillen und Muskelpillen auf der dritten Umschlagseite (kann man aber heute leider nicht mehr machen, weil es zu „ironisch“ wäre). Fest steht, daß wir das Schundheft wiederbeleben wollen; ob wir es können, steht noch in den Sternen. Die erste Ausgabe hat sich unter unseren Erwartungen verkauft; sogar unsere Idee, ein SUPER PULP-Heft an jeden zu verschenken, der zwei EVOLVER BOOKS kauft, hat nicht zu einem Riesenansturm geführt … die Leute stellen sich halt lieber ums neue iPhone an. Das ist uns als alten Realitätsverweigerern aber natürlich komplett wurscht und wir machen genauso weiter. Die Idee, etwas im Romanheftformat zu machen, hat immerhin schon andere in Österreich zu ähnlichen Projekten inspiriert – und vielleicht gelingt es uns gemeinsam, den Romanheftleser vom Drehständer in der Bahnhofsbuchhandlung ins Internet oder die etwas gepflegtere Buchhandlung (das ist definitionsgemäß eine, die EVOLVER BOOKS führt) zu bringen.
Wo siehst du den Verlag in fünf oder zehn Jahren?
Meine Fähigkeiten als Visionär haben sich in den vergangenen Jahrzehnten als völlig unzureichend erwiesen. Aber bitte: In fünf Jahren haben wir uns entweder in der Kleinverlagsszene halbwegs etabliert, können uns und den vielen freiwilligen
Mitarbeitern für unsere beziehungsweise ihre Tätigkeit ein bissl was zahlen und sind immer noch schuldenfrei – oder wir haben aufgehört. In zehn Jahren steht auf meinem Grabstein „Hier liegt Verleger Peter Hiess, um seine Bücher war kein Griß“, und r.evolver feiert als Autor der erfolgreich verfilmten Kay-Blanchard-Serie einen Bestseller nach dem anderen und zündet mir manchmal eine Kerze an …
Aber so wird’s nicht kommen, weil sowieso heuer die Welt untergeht.
Eine spezielle Botschaft, die du den Lesern zukommen lassen willst?
Ich zitiere Fox Mulder: „Trust no-one.“ Außer uns natürlich.
(*Bei dieser Frage ist mir ein bissl das Hirn in den Arsch gerutscht - ich denke, ich wollte mich auf das neue Super Pulp 2 beziehen, das Feb. 2012 erscheint und hab dabei gepatzt. Aber die Antwort ist zu gut und darum belasse ich es dabei. Sorry)
So, hier wären also die Rezensionen:
Das Buch der lebenden Toten; Nazi Island Mystery; Super Pulp Nr. 1; Scott Bradley;
