Inhalt lt. Buch: 1922: Ein Vater überredet seinen Sohn auf perfide Weise, gemeinsam mit ihm die Ehefrau bzw. Mutter umzubringen - und der Horror für den Rest des Lebens der beiden nimmt seinen Anfang. Big Driver: Der Schriftstellerin Tess wird nach einer Lesung Schreckliches angetan. Sie will auf eigene Faust Vergeltung üben ... Faire Verlängerung: Der schwer krebskranke Streeter geht einen teuflischen Pakt ein. Seine Genesung und sein Glück scheinen fortan Unglück und Untergang für andere zu sein. Kann er dem Einhalt gebieten? Will er das überhaupt? Eine gute Ehe: Zufällig entdeckt Darcy, dass der Mann, mit dem sie 27 Jahre lang glücklich verheiratet ist, ein Doppelleben als wahres Ungeheuer führt. Bis dass der Tod euch scheidet ... ist das der einzige Ausweg?
Stephen King: Zwischen Nacht und Dunkel
(OT: Full Dark, No Stars; 2010) Heyne HC 2010; ISBN: 978-3-453-26699-5; 527 Seiten Übersetzung: Wulf Bergner; Ausstattung: Hardcover mit Strukturumschlag
Die Rückkehr des Meisters
Zwischen Nacht und Dunkel ist der beste Stephen King seit mindestens zehn Jahren. Drei der vier Erzählungen sind ausgezeichnet, eine immer noch sehr gut. Und, was besonders bemerkenswert ist, er schafft es endlich wieder einmal, befriedigende Finale zu finden. Das war in den Romanen und Erzählungen der letzten Jahre besonders auffällig – der oft furchtbar missratene Schluss.
Am Klappentext verweist der Verlag nicht ohne Grund auf die alte Frühling, Sommer, Herbst und TodShawshank Redemption und Stand By Me. Zwischen Nacht und Dunkel ist eine Rückkehr zu einem Stephen King in Höchstform. Sammlung, die ebenfalls vier Erzählungen beinhaltete, darunter die Meisterwerke
King konzentriert sich auf die wesentlichen Elemente der Geschichte, schweift nicht ab und bläht die Geschichten nicht unnötig auf. In drei der Geschichten gibt es überhaupt kein übernatürliches Element, sondern hier lässt er den Schrecken aus den Menschen selbst kommen. Die vierte Story beinhaltet sehr wohl etwas Phantastik, aber die wird von King selbst nicht allzu Ernst genommen und ironisiert. Soweit, dass man unter Umständen auch sagen könnte, die Geschichte ist gar nicht phantastisch.
Farbenfrohe Tristesse
1922, die erste Novelle, ist zugleich der Höhepunkt des Buches. Der Titel ist das Jahr, in dem die Geschichte ihren Anfang nimmt – und zieht man einen Vergleich zu Shawshank Redemption (alias Die Verurteilten) und The Green Mile – dann ist diese Zeitperiode wie geschaffen für King. Die Atmosphäre ist packend, die Charaktere glaubwürdig, die Geschichte fesselnd, man leidet mit. Wunderbar. Eine einzige Poesie von Hoffnung und Zerfall.
Big Driver ist eine Geschichte von Rache und psychischer Zerrüttung. Sie beginnt etwas zögerlich, scheint am Anfang ein Rückfall in das weitschweifige Schildern der Romane zu sein, zeigt aber die Veränderung des Charakters der Hauptfigur, als die Geschichte an Tempo gewinnt und ihren Ton ändert.
Faire Verlängerung ist die einzige Geschichte, die mit phantastischen Elementen spielt, wenn auch dezent und von King nicht seriös gemeint. Der Ton und die heitere Leichtigkeit, mit der King hier Katastrophen über Horrorszenarien über Personen hereinbrechen lässt, haben beinahe etwas von einer Fabel an sich. Die Geschichte mag die – sagen wir, trivialste – der Sammlung sein, aber sie zeigt einen beinahe vergnügten Stephen King.
Eine gute Ehe ist wieder ernsthaft und typisch King, eine kleine Ungereimtheit führt in die große Katastrophe. Es ist nicht schwer vorauszusehen, worauf die Sache hinauslaufen wird, aber es geht mehr um psychische Befindlichkeiten und das Drumherum, den Einbruch des Horrors in den harmlosen Alltag. Von der Stimmung her würde ich diese Story in die Nähe von Dolores oder Misery setzen.
Meister der Novellen
In der Novelle und im kurzen Roman scheint King jene Form gefunden zu haben, in der seine Meisterschaft richtig zur Geltung kommt. Hier schafft er fesselnde Geschichte mit gutem Ende, behält die Kontrolle über die spärlichen phantastischen Elemente und zeigt, was er kann. Das Mädchen und Colorado Kid sind die besten Beispiele dafür, sogar Secret Window (auf dt. in Langoliers) erscheint mir als gut gelungene Novelle. Auch die für King kurzen Romane, die er seinerzeit als Richard Bachman herausgebracht hat, haben wunderbar funktioniert.
Die fetten Romane der letzte Jahre sind immer wieder unter ihrem Umfang und den teilweise ärgerlichen Klischeefiguren zusammengebrochen und wirklich gute Kurzgeschichten sind eigentlich zuletzt Mitte der 80er Jahre erschienen, liegen also ebenfalls schon einige Zeit zurück.
Als ich King vor einer Ewigkeit für mich entdeckt habe, war ich hellauf begeistert und habe alles von ihm gelesen. Seine frühen Romane, echte Meisterwerke des Grauens, seine Erzählungen, fesselnd, derb, komisch, ein Vergnügen ohne Ende. Dann kam mit The Green Mile ein letzter Höhepunkt und danach hat er irgendwie die Kontrolle über seinen Stoff verloren. Die Bücher wurden Schritt für Schritt fetter, langatmiger und ... irgendwie auch dümmer. Ich habe sie alle daheim und in jedes hineingelesen, aber kaum eines fertig geschafft. Frustrierend und sehr enttäuschend.
Darum freue ich mich um so mehr über Zwischen Nacht und Dunkel. Das ist der Stephen King, der mich begeistert. Vielleicht gelingt ihm noch ein wunderbarer Roman, ein tolles Alterswerk – immerhin ist King auch schon 64 Jahre alt. Egal was der Inhalt ist, Hauptsache, nicht so aufgebläht, langatmig und voller Klischees. Und mit einem funktionierenden, befriedigenden Ende, egal ob happy oder nicht. Hauptsache, es sitzt.
Vermutlich werden wir in den kommenden Jahren alle vier Erzählungen im Kino als mehr oder weniger gelungene Filme sehen. Ich würde mir wünschen, dass Frank Darabont, der Drehbuchautor und Regisseur, der schon Shawshank Redemption, The Green Mile und Der Nebel von Stephen King verfilmt hat, wenigstens das wunderbare 1922 umsetzt. Naja, aber das Leben ist kein Wunschkonzert.
Kurz gesagt:
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meisterhafte Novellen
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tolle Stimmungen
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vorwiegend realistisch
Fazit: King in Bestform, absolut lesenswert
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